{"id":22935170,"date":"2023-06-26T07:00:30","date_gmt":"2023-06-26T05:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=22935170"},"modified":"2026-04-02T10:18:30","modified_gmt":"2026-04-02T08:18:30","slug":"russland-nach-dem-krieg-machen-sie-nicht-zweimal-den-gleichen-fehler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/russland-nach-dem-krieg-machen-sie-nicht-zweimal-den-gleichen-fehler\/","title":{"rendered":"Russland nach dem Krieg: Machen Sie nicht zweimal den gleichen Fehler"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nicht abzusehen, wie Russlands Krieg in der Ukraine enden wird: Sieg, Niederlage oder ein eher unwahrscheinliches Unentschieden. Vergleiche mit dem Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs sind mittlerweile \u00fcblich geworden. <\/p>\n<p><center><a title=\"Mil.gov.ua, CC BY 4.0 &lt;https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/4.0&gt;, via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Battle_of_Bakhmut_1.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Battle of Bakhmut 1\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/c3\/Battle_of_Bakhmut_1.jpg\"><\/a><br \/>\n<em>Niemandsland in der N\u00e4he von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bachmut\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Bachmut<\/a><\/em><\/center><\/p>\n<p>Auf <a href=\"https:\/\/throughrussianeyes.com\/2023\/04\/01\/trench-warfare-and-the-problem-of-morale\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">beiden Seiten<\/a> wird manchmal darauf hingewiesen, dass der Erste Weltkrieg nicht mit Waffengewalt endete, sondern mit einem Zusammenbruch der Moral auf einer Seite. In den Jahren 1917-1918 waren es Russland, \u00d6sterreich-Ungarn und Deutschland.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Dagegen zeichnen sich heute erste Risse im Nato-B\u00fcndnis ab. Sicherheitsbeamte in Washington haben sich in den letzten Wochen bem\u00fcht zu erfahren, wie im vergangenen Monat ein Schatz hochsensibler Dokumente aufgetaucht war, welche die Pl\u00e4ne und milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten der Ukraine beschrieben und versuchten ihren Wert f\u00fcr Russland zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen kn\u00f6pft Wladimir Putin Russland w\u00e4hrend des Krieges weiter zu. Der Kreml versch\u00e4rfte seine au\u00dfenpolitischen Ambitionen zum ersten Mal seit 2016 formell und beschrieb Russland als &#8222;unverwechselbare Staatszivilisation&#8220;, w\u00e4hrend er die USA als &#8222;Hauptbedrohungsquelle&#8220; f\u00fcr seine eigene &#8222;einzigartige historische Mission&#8220; bezeichnete. Russische Sicherheitsbeamte begannen, die P\u00e4sse hochrangiger Beamter einzusammeln, als die Angst vor einem \u00dcberlaufen eskalierte.<\/p>\n<p>Es lohnt sich nun immer mehr, vorausschauend zu denken. Wie auch immer der Krieg endet, Russland wird immer noch Russland sein. Am Ende von Not One Inch: America, Russia, and the Making of Post-Cold War Patmate zitiert der Historiker M.E. Sarotte die belarussische Essayistin Swetlana Alexijewitsch, Nobelpreistr\u00e4gerin von 2015: &#8222;Wir m\u00fcssen wieder auf die neuen Zeiten warten, weil wir in den Neunzigern unsere Chance verpasst haben.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Hinweis ganz pers\u00f6nlicher Art: Zwei verschiedene Erfahrungen erkl\u00e4ren mein anhaltendes Interesse am russischen Krieg in der Ukraine und seinen Folgen. Ende der sechziger Jahre berichtete ich zwei Jahre lang aus Saigon f\u00fcr Pacific Stars and Stripes und Newsweek \u00fcber Amerikas Vietnamkrieg. Im Sommer 1974 reiste ich mit dem Zug von Nachodka, in der N\u00e4he von Wladiwostok, in das heutige St. Petersburg, wobei ich unterwegs in verschiedenen St\u00e4dten Halt machte und mir Hintergrundwissen aneignete.<\/p>\n<p>Das ist in der Tat lange her. Aber in den f\u00fcnfzig Jahren, die seitdem vergangen sind, habe ich auf die eine oder andere Weise \u00fcber Wirtschaft und Politik berichtet. Ich wei\u00df also etwas dar\u00fcber, wie die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und ihre Satelliten am Ende des Kalten Krieges eine &#8222;Schocktherapie&#8220; betrieben haben. Den \u00dcberblick dar\u00fcber zu behalten, wie Wirtschaft verstanden wird, bleibt meine t\u00e4gliche Aufgabe. Dennoch kann ich nicht aufh\u00f6ren, gelegentlich \u00fcber Amerikas Rolle bei der Provokation des Krieges nachzudenken.<\/p>\n<p>Der bemerkenswerteste Artikel, den ich in letzter Zeit \u00fcber die Quellen der russischen Invasion gelesen habe, ist <a href=\"https:\/\/www.noemamag.com\/the-emotional-state-of-nations\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8222;The Emotional State of Nations&#8220;<\/a>. Es erschien in <a href=\"https:\/\/www.noemamag.com\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Noema<\/a>, einem Magazin, das von dem in den USA lebenden franz\u00f6sischen Milliard\u00e4r <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Nicolas_Berggruen\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Nicolas Berggruen<\/a> unterst\u00fctzt wird. Sein Herausgeber, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Nathan_Gardels\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Nathan Gardels<\/a>, ein kosmopolitischer Journalist macht einen einfachen Punkt:<\/p>\n<p>Dem\u00fctigung und Groll \u00fcber mangelnde Anerkennung und mangelnden Respekt geh\u00f6ren zu den st\u00e4rksten Triebkr\u00e4ften der Geschichte, die schlecht endet. Russland ist derzeit vielleicht das bezeichnendste Beispiel. Putin als wahnsinnigen Ausrei\u00dfer in seiner Weltanschauung zu betrachten, verkennt, wie breit seine Gef\u00fchle von einer Reihe ansonsten sympathischer Pers\u00f6nlichkeiten in Russland in der Zeit nach dem Kalten Krieg geteilt werden.<\/p>\n<p>Gardels erz\u00e4hlte von einem Gespr\u00e4ch zwanzig Jahre zuvor, in dem sich Michail Gorbatschow dar\u00fcber beschwert hatte, dass der Westen die Geschichten, die sich die Russen gegenseitig \u00fcber ihre Historie erz\u00e4hlten, missachtete. &#8222;Die Amerikaner haben uns ohne angemessenen Respekt behandelt&#8220;, beklagte sich der russische Pr\u00e4sident. &#8222;Russland ist ein ernstzunehmender Partner. Wir sind ein Land mit einer enormen Geschichte, mit diplomatischer Erfahrung. Es ist ein gebildetes Land, das viel zur Wissenschaft beigetragen hat.&#8220;<\/p>\n<p>Gardels zitierte auch einen anderen prominenten Russen. Alexander Lebed, ein beliebter ehemaliger General, der in den Tagen, bevor Boris Jelzin Putin w\u00e4hlte, f\u00fcr das Amt des russischen Pr\u00e4sidenten kandidierte, hatte gesagt:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn das Gef\u00fchl des Verlustes und der Dem\u00fctigung, das mit einer Niederlage einhergeht, in der russischen Mentalit\u00e4t schwelt, kann dies zu einem Minderwertigkeits-komplex f\u00fchren, der nur durch neue Siege \u00fcberwunden werden kann, vorzugsweise \u00fcber alte Rivalen. Territorien kommen und gehen, aber die Dem\u00fctigung der W\u00fcrde einer Nation bleibt in den K\u00f6pfen der Menschen. &#8230; Er injiziert den Virus der Rache in die besiegte Nation.&#8220;<\/p>\n<p>Lebed dachte vermutlich dabei an Deutschland. Die Dem\u00fctigung, die die Briten und Franzosen ihrem besiegten Feind mit dem Versailler Vertrag von 1919 auferlegten f\u00fchrte zwanzig Jahre sp\u00e4ter direkt zum Zweiten Weltkrieg. Es ist Grund genug, sich zu fragen welche Folgen der Frieden, wie auch immer er kommen mag, f\u00fcr die Ukraine haben wird.<\/p>\n<p>Wenn Russland verliert, sind alle Wetten aus. Putin wurde als <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/New-Tsar-Vladimir-Steven-2015-09-29\/dp\/B01K3LFT56\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Kind in St. Petersburg gemobbt<\/a>, und vier amerikanische Pr\u00e4sidenten, die die NATO-Erweiterung vorantrieben dr\u00e4ngten ihn einen Krieg zu f\u00fchren, auf den seine Nation im Nachhinein eindeutig schlecht vorbereitet war. (Pr\u00e4sident Donald Trump war dabei zu zwiesp\u00e4ltig, um zu z\u00e4hlen.) Vielleicht entsteht eine \u00fcbersch\u00e4umende Demokratie. Wahrscheinlicher ist, dass Russland einem atomar bewaffneten Libyen \u00e4hneln wird.<\/p>\n<p>Wenn Russland gewinnt, wird es an der Zeit sein, die Argumente, die Putin f\u00fcr die Invasion als Akt der Selbstverteidigung vorgebracht hat ernst zu nehmen, beginnend mit <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Alexander_Nevsky_(film)\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Alexander Newski<\/a>, der \u00e4ltesten russischen Geschichte \u00fcberhaupt. <\/p>\n<p>Russland ist wiederholt \u00fcberfallen worden, von Rittern des Deutschen Ordens im dreizehnten Jahrhundert, von den Schweden im siebzehnten Jahrhundert, von den Franzosen im achtzehnten Jahrhundert, von den Briten im neunzehnten Jahrhundert, von den Deutschen im zwanzigsten Jahrhundert.<\/p>\n<p>Z\u00e4hlt ein amerikanisches Eindringen durch die NATO-Erweiterung im Einundzwanzigsten dazu? Das tut es, wenn man Russland zuh\u00f6rt. Der ukrainische Wunsch nach Selbstbestimmung ist viel leichter zu verstehen. Aber im Krieg geht es um Gewalt, nicht um Sympathie f\u00fcr die andere Seite. Verst\u00e4ndigung kommt danach, besser fr\u00fcher als sp\u00e4ter angesichts der Geschwindigkeit des Klimawandels auf der Erde.<\/p>\n<p>Ignorieren Sie also die unerbittliche Propaganda auf beiden Seiten. Denken Sie stattdessen voraus. Sie werden in beiden F\u00e4llen auf Russland h\u00f6ren m\u00fcssen. Es ist noch nicht zu sp\u00e4t, jetzt damit anzufangen. Erinnern Sie sich an das <a href=\"https:\/\/alwaysmakenewmistakes.com\/tag\/esther-dyson\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">weise Motto von Esther Dyson<\/a>: Machen Sie immer neue Fehler; aber machen Sie in diesem Fall nicht zweimal den gleichen Fehler.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines Beitrages<sup><a id=\"anker1\" title=\"Zur Erl\u00e4uterung\" href=\"#fn1\">[1]<\/a><\/sup> des Journalisten <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/David_Warsh\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">David Warsh<\/a>)<\/em><\/p>\n<ol>\n<li id=\"fn1\"><a href=\"#anker1\">[1]<\/a>Vgl. https:\/\/economicprincipals.com\/issues\/2023.04.23\/2630.html (Zugriff 30.06.2023)<\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht abzusehen, wie Russlands Krieg in der Ukraine enden wird: Sieg, Niederlage oder ein eher unwahrscheinliches Unentschieden. Vergleiche mit dem Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs sind mittlerweile \u00fcblich geworden. 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