{"id":22406894,"date":"2024-06-30T07:00:07","date_gmt":"2024-06-30T05:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=22406894"},"modified":"2025-10-10T12:54:30","modified_gmt":"2025-10-10T10:54:30","slug":"geschichte-auswirkungen-der-arbeitsmarktreformen-und-das-deutsche-beschaeftigungswunder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/geschichte-auswirkungen-der-arbeitsmarktreformen-und-das-deutsche-beschaeftigungswunder\/","title":{"rendered":"Geschichte: Auswirkungen der Arbeitsmarktreformen und das deutsche &#8222;Besch\u00e4ftigungswunder&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen 2002 und 2005 wurden in Deutschland \u00e4u\u00dferst weitreichende <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hartz-Konzept\" title=\"Hartz-Konzept \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitsmarktreformen<\/a> umgesetzt. Dabei ging es vor allem um die Umgestaltung des Sozialleistungs- und Aktivierungs-systems f\u00fcr Arbeitslose hin zu einem &#8222;Work first&#8220;-Ansatz mit m\u00f6glichst schneller und vorrangiger Integration in Arbeit.<\/p>\n<p><center><a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Arbeitsmarkt\/Datensammlung\/Vorschau-Dateien\/abbIV33.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Arbeitsmarkt\/Datensammlung\/Vorschau-Dateien\/abbIV33.png\" width=\"512\" alt=\"Arbeitslose und Arbeitslosenquoten 1975 - 2013\" \/><\/a><br \/>\n<em>mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\" title=\"www.sozialpolitik-aktuell.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.sozialpolitik-aktuell.de<\/a><\/em><\/center><\/p>\n<p>Diese Reformen waren damals schon \u00e4u\u00dferst kontrovers und f\u00fchrten zu einer erheblichen Ver\u00e4nderung der parteipolitischen Konstellation in der Bundesrepublik.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Hier soll nun der Frage nachgegangen werden, ob die kurz nach den Reformen einsetzende Trend-wende am Arbeitsmarkt mit der Wiederzunahme der versicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigung und dem R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit wirklich ma\u00dfgeblich aufgrund dieser Arbeitsmarktreformen erfolgte und damit als ein vermeintliches Erfolgsmodell auch f\u00fcr die anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder angesehen werden kann.<\/p>\n<p>Seit 2005 war offenbar ein grunds\u00e4tzlicher Wandel am deutschen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeitsmarkt\" title=\"Arbeitsmarkt \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitsmarkt<\/a> eingetreten. Vorher (seit 1970) stieg die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erwerbslosigkeit\" title=\"Erwerbslosigkeit \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erwerbslosigkeit<\/a> bei schwachem Wirtschaftswachstum regelm\u00e4\u00dfig an, ohne bei einer wirtschaftlichen Belebung wieder auf das alte Niveau abzusinken. <\/p>\n<p>Dieser Automatismus schien mit den Reformen gestoppt worden zu sein. Selbst der wirtschaftliche Einbruch nach der Finanzkrise 2008 f\u00fchrte nicht zu einer Erh\u00f6hung der Arbeitslosenquote, und auch die eher verhaltenen Wachstumsraten der letzten Jahre \u00e4nderten daran nichts, w\u00e4hrend sie fr\u00fcher zu steigender Erwerbslosigkeit gef\u00fchrt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>In erster Linie besteht somit das &#8222;Wunder&#8220; am deutschen Arbeitsmarkt aus einer stark verminderten Reaktion der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeitslosenstatistik\" title=\"Arbeitslosenstatistik \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erwerbslosenquote<\/a> auf sinkende Wachstumsimpulse, und nicht aufgrund eines st\u00e4rkeren Wachstums. <\/p>\n<p>Dies kann man auch an der seit 2000 gesunkenen Anzahl an Menschen im erwerbsf\u00e4higen Alter ablesen, die zu einer erheblichen Steigerung der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Besch%C3%A4ftigungsquote\" title=\"Besch\u00e4ftigungsquote \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erwerbst\u00e4tigenquote<\/a> f\u00fchrte, w\u00e4hrend das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeitsvolumen\" title=\"Arbeitsvolumen \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gesamt-volumen der Arbeit<\/a> gleichzeitig abnahm. Die Zunahme an Minijobs und Teilzeitbesch\u00e4ftigung konnte dieses Ph\u00e4nomen gut erkl\u00e4ren. <\/p>\n<p>Ebenso wies eine Stagnation des Arbeitsvolumens bei vorhandenem Wirtschaftswachstum auf eine langsamere <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Produktivit%C3%A4t\" title=\"Produktivit\u00e4t \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Produktivit\u00e4tsentwicklung<\/a> hin, die m\u00f6glicherweise durch die schwache Lohnentwicklung und daraus resultierender geringerer Rationalisierung verursacht wurde.  <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich waren daher die Auswirkungen dieser Arbeitsmarktreformen sehr viel geringer als angenommen ausgefallen. Vielmehr ist der R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit eher auf eine sinkende Anzahl an Reservearbeitskr\u00e4ften, eine langsamere Produktivit\u00e4tsentwicklung und die Verteilung des Besch\u00e4ftigungsvolumens auf mehr Personen zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Allerdings waren auch viele negativen Folgen geringer als von den Kritikern ursp\u00fcnglich bef\u00fcrchtet. Zwar geh\u00f6rten Lohnstagnation, Zunahme der Gehaltsungleichheiten und ein anschwellender Niedriglohnsektor durchaus folgerichtig zur Logik dieser Reformen, sie begannen aber schon Jahre vorher, im Gegensatz zur Steigerung von Minijobs und Leiharbeit. <\/p>\n<p>Vor allem aber die Schw\u00e4chung des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tarifvertrag\" title=\"Tarifvertrag \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tarifvertragssystems<\/a>, bereits ebenfalls vor den &#8222;Hartz&#8220;-Reformen in Gang gesetzt, hatte wesentlich gr\u00f6\u00dfere Auswirkungen auf ein Zur\u00fcckbleiben der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reallohn\" title=\"Reallohn \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reall\u00f6hne<\/a> sowie das Auseinanderbewegen der Geh\u00e4lter zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor als die Arbeitsmarkt-reformen. <\/p>\n<p>So ging der Anteil der Besch\u00e4ftigten in Unternehmen, die an einen Fl\u00e4chentarifvertrag gebunden sind, seit 1998 best\u00e4ndig zur\u00fcck, und die Zahl der Arbeitnehmer ohne Betriebsrat und\/oder Tarifvertrag stieg seitdem von 21 auf 45 Prozent.  <\/p>\n<p>Ebenso war es die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rentenreform\" title=\"Rentenreform \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reform des Renteneintritts<\/a>, die daf\u00fcr gesorgt hat, dass die Erwerbst\u00e4tigenquote in Deutschland gestiegen ist. Die weitestgehende Abschaffung der Vorruhestandsprogramme versperrte den Unternehmen den bislang \u00fcblichen Weg der Personalreduzierung im Alter und lie\u00df die Besch\u00e4f-tigten l\u00e4nger und bis zu einem h\u00f6heren Lebensalter in den Betrieben verbleiben. <\/p>\n<p>Die Absenkung des Rentenniveaus, die Verringerung der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verminderte_Erwerbsf%C3%A4higkeit\" title=\"Verminderte Erwerbsf\u00e4higkeit \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erwerbsunf\u00e4higkeitsrenten<\/a> und der Beginn der schrittweisen Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre sorgten f\u00fcr eine weitere Verl\u00e4ngerung der Erwerbst\u00e4tigkeit vieler Arbeitnehmer. Die Chancen auf ein neues Arbeitsverh\u00e4ltnis im Alter hatte sich allerdings dadurch nicht erh\u00f6ht. <\/p>\n<p>Was also sind dann die tats\u00e4chlichen Ergebnisse der &#8222;Hartz&#8220;-Reformen? Unzweifelhaft haben sie die <em><b>\u00dcberg\u00e4nge aus Erwerbslosigkeit in Arbeitsverh\u00e4ltnisse beschleunigt<\/b><\/em>. Eine Verbesserung der Besch\u00e4f-tigungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Langzeitarbeitslose war allerdings nicht eingetreten. <\/p>\n<p>Lediglich bei den kurzzeitig Erwerbslosen konnte ein Forcierungseffekt durch die Vermeidung des Abstiegs in die Grundsicherung festgestellt werden. Gleichzeitig nahm aber auch die Angst vor Arbeitslosigkeit zu, und damit ebenso die Bereitschaft der Erwerbst\u00e4tigen, f\u00fcr die Sicherung ihres Arbeitsplatzes gr\u00f6\u00dfere Opfer als zuvor auf sich zu nehmen.<\/p>\n<p>Damit konnten zwar in der Krise 2008\/2009 viele Stellen erhalten werden, doch f\u00fchrte dies auch zu einer erheblichen Verringerung der Risikobereitschaft der Besch\u00e4ftigten. Dadurch hatte sich die Fluktuation der Arbeitnehmer trotz der allgemeinen Besch\u00e4ftigungszunahme erheblich reduziert, die Verweildauer in einem Arbeitsverh\u00e4ltnis ist ungeachtet der Zunahme flexibler Besch\u00e4ftigungsformen gestiegen. <\/p>\n<p>Die eigentliche wohlstandsoptimierende Leistungsf\u00e4higkeit des Arbeitsmarktes hatte dadurch erheblich abgenommen, haupts\u00e4chlich wegen der r\u00fcckl\u00e4ufigen Einstiegsgeh\u00e4lter bei neuen Erwerbst\u00e4tigkeiten.<\/p>\n<p>Demnach haben die &#8222;Hartz&#8220;-Reformen ma\u00dfgeblich dazu gef\u00fchrt, dass auf den Arbeitsm\u00e4rkten Verzer-rungen bei den Relationen von Angebot und Nachfrage auftraten und eigentlich positive Signale (zunehmende Besch\u00e4ftigung aufgrund eines abnehmenden Arbeitskr\u00e4ftepotenzials) die Markt-teilnehmer nicht erreichten bzw. nicht zu steigenden Preisen f\u00fcr Besch\u00e4ftigung f\u00fchrten. <\/p>\n<p>Als Folge konnte man die Abnahme des Rationalisierungsdrucks, eine Verlangsamung der Pro-duktivit\u00e4tsentwicklung sowie eine generelle Investitionsschw\u00e4che trotz eines \u00dcberangebots an gespartem Geldkapital analysieren.<\/p>\n<p>Ansonsten schien demnach der Einsch\u00fcchterungseffekt der Reformen auf Arbeitnehmer gr\u00f6\u00dfer zu sein als ihr Aktivierungseffekt auf die Erwerbslosen. Zudem entstand der Eindruck, dass die Besch\u00e4f-tigungsbarrieren, durch die Langzeitarbeitslose vom Arbeitsmarkt ferngehalten wurden, offenbar durch Aktivierung und Mobilisierung gar nicht zu \u00fcberwinden waren. In diesem Fall k\u00e4me man zu der Quintessenz, dass die &#8222;Hartz&#8220;-Reformen eigentlich auf einer v\u00f6llig falschen Problemdeutung basierten.    <\/p>\n<p>So war und ist der deutsche Weg der Hartz-Reformen insgesamt eher nicht zur Nachahmung durch die europ\u00e4ischen Krisenl\u00e4nder zu empfehlen.<\/p>\n<p><em>(Zusammenfassung einer <a href=\"https:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/wiso\/10866.pdff\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Studie<\/a> von Matthias Knuth f\u00fcr den Europ\u00e4ischen Wirtschafts- und Sozial-ausschuss in Br\u00fcssel)<\/em> <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen 2002 und 2005 wurden in Deutschland \u00e4u\u00dferst weitreichende Arbeitsmarktreformen umgesetzt. Dabei ging es vor allem um die Umgestaltung des Sozialleistungs- und Aktivierungs-systems f\u00fcr Arbeitslose hin zu einem &#8222;Work first&#8220;-Ansatz mit m\u00f6glichst schneller und vorrangiger Integration in Arbeit. mit freundlicher<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[42,27,14,16,18],"class_list":["post-22406894","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-gewerkschaft","tag-investition","tag-lohn","tag-lohnstueckkosten","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22406894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22406894"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22406894\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24374020,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22406894\/revisions\/24374020"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22406894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22406894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22406894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}