{"id":21932351,"date":"2022-12-09T07:00:42","date_gmt":"2022-12-09T06:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=21932351"},"modified":"2022-12-08T14:38:07","modified_gmt":"2022-12-08T13:38:07","slug":"das-sparparadoxon-war-bis-zur-industriellen-revolution-die-eigentliche-regel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/das-sparparadoxon-war-bis-zur-industriellen-revolution-die-eigentliche-regel\/","title":{"rendered":"Das Sparparadoxon war bis zur industriellen Revolution die eigentliche Regel"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man in der Geschichte weiter (als allgemein \u00fcblich) zur\u00fcckblickt, kann man fest-stellen, dass die wirtschaftliche Stagnation aufgrund eines Mangels an Kreditnehmern f\u00fcr Tausende von Jahren vor der industriellen Revolution in den 1760er Jahren als die Norm angesehen werden kann. <\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/rwer.wordpress.com\/2016\/07\/13\/paradox-of-thrift-was-the-norm-before-industrial-revolution-richard-koo\/koo-1\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/rwer.files.wordpress.com\/2016\/07\/koo-1.png\" width=\"530\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/a><br \/>\n<em>Bild 1: Das Wirtschaftswachstum wurde erst nach der industriellen Revolution<br \/>\nzu einer allgemeinen Regel<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Wie in Bild 1 gezeigt, fiel das Wirtschaftswachstum in den Jahrhunderten davor ver-schwindend gering aus. Wahrscheinlich gab es trotzdem viele Individuen, die in dieser Zeit des Nullwachstums versuchten zu sparen, da die Menschen sich schon immer Sorgen \u00fcber eine ungewisse Zukunft gemacht haben. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Die Vorbereitung auf das Alter und die Angst vor dem sprichw\u00f6rtlich verregneten Tag sind tief verwurzelte Aspekte der menschlichen Natur. Auch wenn es nur allzu menschlich ist, sparen zu wollen, die jahrhundertelange wirtschaftliche Stagnation vor der industriellen Revolution muss vor allem aufgrund eines Mangels an Kreditnehmern entstanden sein.<\/p>\n<p>Damit sich der private Sektor Geld leihen kann, ben\u00f6tigt er eine saubere Bilanz und vielversprechende Investitionsm\u00f6glichkeiten. Letztlich werden im privaten Sektor Unternehmen nur dann Kredite aufnehmen, wenn sie sich sicher sind, dass sie die Schulden mit Zinsen zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Aber mit nur geringer oder gar keiner technologischen Innovation vor der industriellen Revolution, die \u00fcbrigens im Wesentlichen eben eine technologische Revolution war, gab es nur wenige Investitionsprojekte, die in der Lage waren, sich selbst zu finanzieren. Die Unternehmen versuchen zudem in der Regel ihre Schulden zu minimieren, wenn sie keine Investitionsm\u00f6glichkeiten sehen, da die Wahrscheinlichkeit eines Konkurses sich drastisch reduziert, wenn das Unternehmen keine Schulden abtragen muss. <\/p>\n<p>Geht man von einem Mangel an Investitionsm\u00f6glichkeiten vor der industriellen Revolution aus, so ist es leicht zu verstehen, warum es nur so wenige bereitwillige Kreditnehmer gab. Aufgrund dieser Abwesenheit lohnender Anlagem\u00f6glichkeiten schrumpfte die Wirtschaft umso mehr, je mehr die Menschen sich bem\u00fchten zu sparen. <\/p>\n<p>Das Ergebnis war ein st\u00e4ndiges <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sparparadoxon\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sparparadoxon<\/a> (engl. Paradox of thrift), in dem die Menschen versuchten zu sparen, doch ihre verst\u00e4rkten Handlungen und Absichten nur dazu f\u00fchrten, die Volkswirtschaft weiter in einem depressiven Zustand zu halten. Dieser Zustand dauerte sowohl im Osten als auch im Westen \u00fcber Jahrhunderte an.<\/p>\n<p>M\u00e4chtige Herrscher liehen sich manchmal die durch den privaten Sektor gesparten Mittel und verwendeten sie zum Ausbau der sozialen Infrastruktur oder um Denkm\u00e4ler zu errichten. Bei diesen Gelegenheiten wurde der Teufelskreis des Sparparadoxons durchbrochen, weil die Regierung die gesparten Fonds (&#8230;) wieder in den Einkommensstrom  injizierten und so schnelles Wirtschaftswachstum generierten. <\/p>\n<p>Doch auch wenn sich das Projekt am Ende auszahlte &#8211; und Politiker sind selten gut darin, Investitionsprojekte auszuw\u00e4hlen, die auch noch profitabel sind &#8211; w\u00fcrde die Regierung irgendwann kalte F\u00fc\u00dfe im Angesicht einer gewaltigen Schuldenlast bekommen und ihre Investitionen beendet haben. Die gesamte Wirtschaft w\u00fcrde dann wieder zur\u00fcck in das Sparparadoxon verfallen und abermals stagnieren. Folglich hielten sich viele dieser Regime l\u00e4ngst nicht so lange wie die Monumente, die sie geschaffen hatten.<\/p>\n<p>Manche L\u00e4nder versuchten dar\u00fcber hinaus Wirtschaftswachstum zu erreichen, indem sie ihre Herrschaftsgebiete erweiterten, das hei\u00dft, sie erwarben mehr Grund und Boden, die als die Schl\u00fcsselfaktoren der Produktion in vorindustriellen landwirtschaftlichen Gesellschaften galten. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich glaubten die Menschen jahrhundertelang, dass die territoriale Expansion f\u00fcr das Wirtschaftswachstum notwendig war. Dieser Antrieb f\u00fcr mehr Wohlstand gilt heute allgemein als der wichtigste wirtschaftliche Beweggrund f\u00fcr Kolonialismus und Imperialismus. Doch beide waren im Grunde genommen ein Nullsummenspiel f\u00fcr die Weltwirtschaft als Ganzes und f\u00fchrten zudem auch zu unz\u00e4hligen Kriegen und unendlichem Leid und Tod.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines schon \u00e4lteren <a href=\"https:\/\/rwer.wordpress.com\/2016\/07\/13\/paradox-of-thrift-was-the-norm-before-industrial-revolution-richard-koo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des taiwanischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Koo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Richard Koo<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man in der Geschichte weiter (als allgemein \u00fcblich) zur\u00fcckblickt, kann man fest-stellen, dass die wirtschaftliche Stagnation aufgrund eines Mangels an Kreditnehmern f\u00fcr Tausende von Jahren vor der industriellen Revolution in den 1760er Jahren als die Norm angesehen werden kann.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[24,27,28,32,29,41,44,18],"class_list":["post-21932351","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-globalisierung","tag-investition","tag-saldenmechanik","tag-schulden","tag-sparen","tag-sparparadoxon","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21932351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21932351"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21932351\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21949491,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21932351\/revisions\/21949491"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21932351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21932351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21932351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}