{"id":21722513,"date":"2023-05-15T07:00:13","date_gmt":"2023-05-15T05:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=21722513"},"modified":"2026-04-22T12:01:11","modified_gmt":"2026-04-22T10:01:11","slug":"history-die-gesamtwirtschaftlichen-herausforderungen-an-die-gewerkschaften-teil-1-festlegung-der-lohnsaetze-und-arbeitszeiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/history-die-gesamtwirtschaftlichen-herausforderungen-an-die-gewerkschaften-teil-1-festlegung-der-lohnsaetze-und-arbeitszeiten\/","title":{"rendered":"History: Die gesamtwirtschaftlichen Herausforderungen an die Gewerkschaften &#8211; Teil 1: Festlegung der Lohns\u00e4tze und Arbeitszeiten"},"content":{"rendered":"<p>Zum 10-j\u00e4hrigen Bestehen dieses Blogs m\u00f6chte ich gern eine kleine Artikel-Serie \u00fcber die eigentlichen Aufgaben der Gewerkschaften wiederholen, und damit auch einige der Hauptliegen meiner Publikationen: <\/p>\n<p><Center><a title=\"Tag der Arbeit 1. Mai 2014 - Demonstration in Hamburg - Ver.di - Transparent: Mit Schirm, Charme und Herz: Gute Arbeit gemeinsam gestalten von Claus Ableiter (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3A1_-_Hamburg_1._Mai_2014_01.JPG\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Hamburg 1. Mai 2014 01\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/eb\/1_-_Hamburg_1._Mai_2014_01.JPG\"\/><\/a><br \/>\n<em>Tag der Arbeit 1. Mai 2014 &#8211; Ver.di-Demonstration in Hamburg<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Eine schon vor Jahren vom <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationaler_W%C3%A4hrungsfonds\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">IWF<\/a> <a href=\"https:\/\/www.imf.org\/en\/Publications\/Staff-Discussion-Notes\/Issues\/2016\/12\/31\/Inequality-and-Labor-Market-Institutions-42987\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">vorgestellte Studie<\/a> thematisierte den sinkenden Einfluss der Gewerkschaften in den Industriel\u00e4ndern und analysierte ihre Schw\u00e4chen bei den Versuchen, eine gerechtere Einkommensverteilung zu erreichen.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Diese Beurteilung der gewerkschaftlichen Arbeit durch eine eher als neoliberal bekannte internationale Institution m\u00f6chte ich zum Anlass nehmen, einmal ein wenig zur\u00fcck-zubl\u00e4ttern und anhand des 1982 erschienen Buches <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books\/about\/Marktpreis_und_Menschenw%C3%BCrde.html?id=TtAtSwAACAAJ&#038;redir_esc=y\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Marktpreis und Menschenw\u00fcrde&#8220;<\/a> von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_St%C3%BCtzel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wolfgang St\u00fctzel<\/a> einen anderen Blick auf die Aufgaben der Gewerkschaften zu werfen.<\/p>\n<p>Denn so manche damals gewonnene Erkenntnis ist heute nahezu verschollen und sollte vielleicht wiederbelebt werden, um in der aktuellen Diskussion \u00fcber den Sinn und Zweck von Gewerkschaften neue Gesichtspunkte einzubringen.<\/p>\n<p>Neben der Festlegung der Unterschiede in den Lohns\u00e4tzen der verschiedenen Arbeit-nehmergruppen, mit denen die Knappheitsrelationen in den diversen Teilbereichen des Arbeitsmarktes auch von den Gewerkschaften mitgestaltet werden, um m\u00f6glichst marktlagengerechte Entlohnungen zu erreichen, wies St\u00fctzel den Gewerkschaften weitere Funktionen zu.<\/p>\n<p>Dabei war ihm auch wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass mit diesen Aufgaben ebenso wichtige gesamtwirtschaftliche Zusammenh\u00e4nge ins Spiel k\u00e4men, die seiner Ansicht nach die \u00fcblichen Lehren der neoklassischen Theorie von den immer positiven Auswirkungen des freien Spiels der Preise nicht ohne weiteres auf den Arbeitsmarkt \u00fcbertragbar machten.<\/p>\n<p>Dies tr\u00e4fe vor allem auf die Entwicklung des absoluten Niveaus der L\u00f6hne sowie die Festsetzung der sonstigen Arbeitsbedingungen zu. Anhand eines Beispiels legte St\u00fctzel dar, was passieren w\u00fcrde, wenn man die Gestaltung der Arbeitsbedingungen v\u00f6llig dem freien &#8222;Markt&#8220; zwischen Arbeitgebern und -nehmern \u00fcberlassen w\u00fcrde. Solche F\u00e4lle habe es beim \u00dcbergang von der alten Handwerks- und Z\u00fcnftewirtschaft hin zur modernen Industrie\u00f6konomie bis ca. 1850 auch hier sehr oft gegeben.<\/p>\n<p>Als Rahmenbedingungen f\u00fcr sein Modell setzte er folgende Pr\u00e4missen voraus: <\/p>\n<p>1. Aus produktionstechnologischen Gr\u00fcnden bestehe f\u00fcr keinen der<br \/>\nArbeitssuchenden die M\u00f6glichkeit, anders als durch abh\u00e4ngige Lohnarbeit den Lebensunterhalt f\u00fcr sich und seine Familie zu bestreiten.<br \/>\n2. Die Arbeiterfamilien leben am Existenzminimum.<br \/>\n3. Es gibt keine Arbeitslosenunterst\u00fctzung, ebenso keine Beschr\u00e4nkungen bei den gesamten Jahresarbeitsstundenzahlen, die eine ganze Familie, alle Personen eingerechnet, anbieten darf. Es gibt keine Gewerkschaften, die ein Arbeits-Angebotspreiskartell aufstellen k\u00f6nnen.<br \/>\n4. Die Arbeiter agieren nicht organisiert und damit getrennt voneinander.<br \/>\n5. Es gibt bereits eine kleine Anzahl Arbeitsloser als \u201eindustrielle Reserve\u201c, jedem Arbeiter droht also auch das Risiko der Erwerbslosigkeit.<br \/>\n6. Die Arbeiter haben keine Verm\u00f6gen und es wird unterstellt, dass sie auch nichts \u201esparen\u201c k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>St\u00fctzel schl\u00fcsselte als Folge der Bedingungen eins bis vier &#8211; &#8222;kein Ausweg zur Bestreitung des f\u00fcr existenznotwendig gehaltenen Lebensbedarfs durch selbst\u00e4ndige Eigenarbeit oder irgendwelche Arbeitslosenunterst\u00fctzung&#8220; &#8211; auf, dass die Besch\u00e4ftigten auf eine Absenkung des realen Stundenlohnes anders als erwartet reagieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Sie w\u00fcrden n\u00e4mlich nicht wie nach der vorherrschenden neoklassischen Theorie auf eine Lohnsenkung mit einer mengenm\u00e4\u00dfigen Einschr\u00e4nkung ihres Angebots reagieren. Stattdessen w\u00e4re es eher wahrscheinlich, dass die Arbeiter unter dem Zwang der Sicherstellung des Lebensunterhaltes f\u00fcr sich und ihre Familien nicht weniger, sondern mehr Arbeitsstunden anbieten w\u00fcrden, in Extremf\u00e4llen auch durch Einbringung der Arbeitskraft von Kindern. <\/p>\n<p>Und k\u00e4me dann noch Bedingung Nummer 5 hinzu, das Vorhandensein einer Reservearmee an dauerhaft nicht Besch\u00e4ftigten, durch die abgedr\u00e4ngte Arbeitswillige ohne vorhandene Arbeitslosenversicherung letztlich nicht mehr in der Lage w\u00e4ren, den ihnen notwendigen Lebensunterhalt aus eigenen Kr\u00e4ften zu realisieren, so w\u00fcrde zwangsl\u00e4ufig das Auftreten einer sogenannten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rationalit%C3%A4tenfalle\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rationalit\u00e4tenfalle<\/a> unumg\u00e4nglich werden. <\/p>\n<p>In ihrem Bestreben, m\u00f6glichst viele Arbeitsstunden anzubieten, um ihre Familien- einkommen wieder auf eine ausreichende H\u00f6he zu bringen, w\u00fcrden die Arbeiter insgesamt den Stundenlohnsatz dr\u00fccken. Dies k\u00f6nnte dann dazu f\u00fchren, dass trotz eines erheblichen Mehrangebots an Arbeitszeit die Sicherung der Einkommen nicht mehr erreicht werden kann, da die L\u00f6hne zu stark sinken.<\/p>\n<p>Im Gegenteil wird die immense Verl\u00e4ngerung der Familienarbeitszeit dazu f\u00fchren, dass nicht die Arbeitnehmer, sondern nur die Unternehmer den Profit aus der Mehrarbeit ziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser nicht normalen Reaktion auf die Lohnsenkung wird die angebotene Menge an Arbeitskraft nicht reduziert, sondern vielmehr gesteigert, und das freie Spiel der Marktpreisbildung b\u00fc\u00dft seine ansonsten Funktion des menschenw\u00fcrdigen Ausgleichs nahezu vollst\u00e4ndig ein.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Verelendungskonkurrenz&#8220;, durch die sich der fr\u00fche Kapitalismus besonders &#8222;auszeichnete&#8220; (die allerdings auch heutzutage wieder vermehrt auftritt), wurde erstmalig durch den \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Marx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Karl Marx<\/a> erkannt und belegt. Marx kam dabei zu der Erkenntnis, dass die Arbeiter zum Schutz vor solcher Ausbeutung  \u201eals Klasse ein Staatsgesetz erzwingen [m\u00fcssen], ein \u00fcberm\u00e4chtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen\u201c. <\/p>\n<p>Diese (Teil-)W\u00fcrdigung der Marx&#8217;schen Lehre schrieb Wolfgang St\u00fctzel 1981 \u00fcbrigens nicht als Arbeitnehmervertreter oder gar Kommunist, sondern als zuk\u00fcnftiges Mitglied des heute als neoliberal geltenden <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kronberger_Kreis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kronberger Kreises<\/a> und treuer FDP-Parteig\u00e4nger. Aus heutiger Sicht nahezu unvorstellbar.<\/p>\n<p>Weiter geht es in <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/history-die-gesamtwirtschaftlichen-herausforderungen-an-die-gewerkschaften-teil-2-schutzwall-gegen-menschenun-wuerdige-unterbietungskonkurrenz\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Teil 2<\/a> mit den Gewerkschaften als Schutzwall gegen menschenunw\u00fcrdige Unterbietungskonkurrenz.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 10-j\u00e4hrigen Bestehen dieses Blogs m\u00f6chte ich gern eine kleine Artikel-Serie \u00fcber die eigentlichen Aufgaben der Gewerkschaften wiederholen, und damit auch einige der Hauptliegen meiner Publikationen: Tag der Arbeit 1. 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