{"id":21721,"date":"2014-06-22T00:05:47","date_gmt":"2014-06-21T22:05:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=21721"},"modified":"2025-10-06T07:51:58","modified_gmt":"2025-10-06T05:51:58","slug":"es-war-nicht-greenspans-geldpolitik-teil-2-sparen-oder-investieren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/es-war-nicht-greenspans-geldpolitik-teil-2-sparen-oder-investieren\/","title":{"rendered":"Es war nicht Greenspans Geldpolitik &#8211; Teil 2: Sparen oder Investieren?"},"content":{"rendered":"<p><b>\u201eMit ihrer<\/b> (gemeint sind die US-amerikanischen Privathaushalte) <b>hohen Verschuldungsbereitschaft haben sie in den letzten Jahren massive Nachfrageimpulse f\u00fcr die Weltwirtschaft geleistet.<\/p>\n<p>Dies bildete ein notwendiges Gegengewicht zur hohen Geldverm\u00f6gensbildung in L\u00e4ndern wie China, Japan, Deutschland, Russland und einer Reihe von \u00d6lf\u00f6rderl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die viel diskutierten globalen Ungleichgewichte &#8230; haben in der Vergangenheit letztlich daf\u00fcr gesorgt, dass sich die Weltwirtschaft bei einem so unterschiedlichen Sparverhalten <\/b>(der amerikanischen Verbraucher im Gegensatz zu denen der \u00dcberschussl\u00e4nder) <b>dynamisch entwickeln konnte.\u201c<\/b><br \/>\n<em>(<a href=\"https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/publikationen\/jahresgutachten\/fruehere-jahresgutachten\/jahresgutachten-200809.html\" title=\"Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Wirtschaft: Jahresgutachten 2008\/09\" target=\"_blank\">Jahresgutachten 2008\/09 des Sachverst\u00e4ndigenrates, Erstes Kapitel, Absatz II, Nummer 5<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><center><a title=\"Former Chairman of the Federal Reserve Alan Greenspan, receiving a Presidential Medal of Freedom in 2005 by White House photo by Shealah Craighead (Whitehouse.gov (link)) [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AGreenspan%2C_Alan_(Whitehouse).jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Former Chairman of the Federal Reserve Alan Greenspan, receiving a Presidential Medal of Freedom in 2005\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/3\/3a\/Greenspan%2C_Alan_%28Whitehouse%29.jpg\"\/><\/a><\/center><\/p>\n<p>In seiner Expertise zum Jahresausblick der deutschen Wirtschaft 2008\/2009 brachte der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sachverst%C3%A4ndigenrat_zur_Begutachtung_der_gesamtwirtschaftlichen_Entwicklung\" title=\"Sachverst\u00e4ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Sachverst\u00e4ndigenrat<\/a> wieder einmal seine Auffassung zum Ausdruck, dass das Investieren grunds\u00e4tzlich erst als Folge des Sparens m\u00f6glich sei und unterschiedliches Sparverhalten demnach die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leistungsbilanz#Leistungsbilanzdefizit\" title=\"Leistungsbilanzdefizite \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Leistungsbilanzdefizite<\/a> und Handelsungleich- gewichte zwischen \u00dcberschuss- und Schuldenl\u00e4ndern erkl\u00e4ren k\u00f6nne. Folglich seien also gr\u00f6\u00dfere Verzerrungen in der Wettbewerbsf\u00e4higkeit zwischen den Volkswirtschaften gar nicht m\u00f6glich (<a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/es-war-nicht-greenspans-geldpolitik-teil-1-finanzkrise-geldvermoegensbeziehungen-und-lohndumping\/\" title=\"Es war nicht Greenspans Geldpolitik \u2013 Teil 1: Finanzkrise, Geldverm\u00f6gensbeziehungen und Lohndumping \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">siehe Teil 1<\/a>).<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Diese Haltung zum Sparen als unbedingte Voraussetzung f\u00fcr das Investieren kollidierte allerdings mit der Aussage im ersten zitierten Satz, demzufolge ja die schuldenmachenden US-Verbraucher die Treiber des Wachstums gewesen w\u00e4ren und nicht die Sparer. Ebensowenig passte da die grunds\u00e4tzliche Definition, gem\u00e4\u00df der niemand sparen kann, wenn sich kein anderer verschuldet, ins Bild. Um mit diesem offensichtlichen Widerspruch zur neoklassischen Ideologie klar zu kommen, verhalf man sich einfach mit einer Synthese beider Ansichten:<\/p>\n<p>Sowohl die Nachfrageimpulse durch die Bereitschaft zur Verschuldung als auch die Bereitstellung der Ersparnisse als Notwendigkeit f\u00fcr Investitionen w\u00e4ren demnach erforderlich f\u00fcr eine dynamische Wirtschaftsentwicklung.<br \/>\nIm Umkehrschluss kann man dann aber logischerweise internationale Handelsungleichgewichte \u00fcberhaupt nicht als realwirtschaftliche Krisenursache in Erw\u00e4gung ziehen, da sie ja in dem simplen Modell des Sparens als Vorraussetzung f\u00fcr Wachstum gelten. Somit aber w\u00e4ren internationale Wirtschaftskrisen gleichzeitig die Folge eines marktwirtschaftlichen Prozesses, was nach den Pr\u00e4missen der herrschenden Theorie erst recht nicht sein darf.<\/p>\n<p>Wenn man aber dagegen das Sparen nicht als unerl\u00e4ssliche Bedingung eines Wirtschaftsprozesses, sondern als seine zwangsl\u00e4ufige Folge versteht, (so wie es auch in diesem Blog bereits <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-die-zusammenhaenge-zwischen-investieren-und-sparen-teil-4\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie: Die Zusammenh\u00e4nge zwischen Investieren und Sparen \u2013 Teil 4 \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sparen-und-investieren-versuch-einer-richtigstellung\/\" title=\"Sparen und Investieren \u2013 Versuch einer Richtigstellung \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">hier<\/a> gemacht wurde) so kommt man zu einem ganz anderen Verst\u00e4ndnis der f\u00fcr das Funktionieren einer Marktwirtschaft notwendigen Vorg\u00e4nge, ohne die Marktwirtschaft gleich ganz als Wirtschaftssystem ingesamt zu verdammen. <\/p>\n<p>Nach den Ansichten eines <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Maynard_Keynes\" title=\"John Maynard Keynes \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">John Maynard Keynes<\/a> und eines <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_Schumpeter\" title=\"Joseph Schumpeter \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Joseph Schumpeter<\/a> werden demnach Investitionen nicht erst durch die Bildung von Ersparnissen m\u00f6glich gemacht, sondern mittels der Notenbanken vorfinanziert und erst am Ende des Prozesses durch die Zunahme der Einkommen, aus denen wiederum die Investitionskredite getilgt werden k\u00f6nnen, gebildet.<\/p>\n<p>Nach dieser Sichtweise ist das vermehrte Sparen (= h\u00f6here Sparquote der Verbraucher) nicht sinnvoll, da damit die Auslastung der Kapazit\u00e4ten sowie die Unternehmensgewinne verringert werden und als logische Folge davon die Investitionsdynamik entscheidend geschw\u00e4cht wird.<\/p>\n<p>Als Konsequenz aus dieser Ansicht aber muss man damit dann auch das gesamte Fundament der \u00f6konomischen Empfehlungen der letzten 20 Jahre in Deutschland komplett in Zweifel ziehen. Alle lohnpolitischen Ma\u00dfhalteentscheidungen waren demnach nicht nur zwecklos, sondern m\u00fcssen auch als mitverantwortlich f\u00fcr die Finanzkrise angesehen werden. Der Sachverst\u00e4ndigenrat (und mit ihm alle anderen neoklassischen Vertreter) aber verzichtet dagegen seit 2008 auf eine logische Erkl\u00e4rung der aufgetretenen fehlerhaften Prozesse, um sich nicht von der von ihm pr\u00e4ferierten Sparthese und der falschen Ansicht, alle am Markt zustandekommenden Preise seien immer automatisch richtig, l\u00f6sen zu m\u00fcssen.   <\/p>\n<p>Diese ideologische Denkverweigerung zieht allerdings auch seit der Finanzkrise gravierende Folgen mit sich: Wer neben den Regulierungsdefiziten die realwirtschaftlichen Ursachen der Finanzmarktkrise nicht realisieren kann, ist unf\u00e4hig, richtig zu handeln, um die Verwerfungen der Krise endg\u00fcltig zu beseitigen.<\/p>\n<p>So kann es etwa f\u00fcr Deutschland keine weitere Lohnmoderation, also Abschl\u00fcsse unterhalb von Zielinflationsrate und Produktivit\u00e4tszuwachs, und Arbeitsmarktflexibilisierung mehr geben, da damit weiterhin auf die Verschuldung des Auslandes und eine weiter schw\u00e4chelnde Konsumnachfrage im Inland gesetzt wird.<br \/>\nStattdessen w\u00e4ren fl\u00e4chendeckende Lohnsteigerungen von ca. 3,5 % aufw\u00e4rts erforderlich.<br \/>\nDies w\u00fcrde dann auch ein klares Signal der Politik bedeuten, die damit eingesehen h\u00e4tte, dass sie die privaten Haushalte mit ihrer Nachfrage (und nicht wie immer behauptet mit ihrem Sparverhalten) endlich ernst n\u00e4hme.<\/p>\n<p>Ebenso muss die Austerit\u00e4tspolitik in den europ\u00e4ischen Krisenl\u00e4ndern beendet werden, denn auch dort haben &#8222;Sparen&#8220; und Lohnzur\u00fcckhaltung bzw. -k\u00fcrzung vor allem f\u00fcr Rezession im Inland gesorgt.<br \/>\nF\u00fcr die Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank bedeutet dies, weiterhin eine Strategie der niedrigen Zinsen fahren zu m\u00fcssen, um sowohl ihr Ziel der Geldwertstabilit\u00e4t (eine Zielinflationsrate <em>nahe<\/em> Zwei Prozent und nicht erheblich darunter wie zur Zeit) erreichen zu k\u00f6nnen, als auch die Gefahr der Handlungsunf\u00e4higkeit durch eine m\u00f6gliche deflation\u00e4re Abw\u00e4rtsspirale zu verhindern.<br \/>\nNiedrige Zinsen unterst\u00fctzen zudem die privaten Investitionsabsichten und machen die notwendige staatliche Neuverschuldung g\u00fcnstiger. <\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich w\u00e4re es auch notwendig, ein m\u00f6glichst einheitliches Zinsniveau nicht nur mit den USA sondern auch mit den Schwellenl\u00e4ndern anzustreben, damit Spekulationen auf <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Currency_Carry_Trade\" title=\"Currency Carry Trade \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Zinsarbitrage<\/a> nicht weiter die Wechselkurse beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Wer dagegen immer noch der Ansicht ist, es m\u00fcssten doch eigentlich die Zinsen erh\u00f6ht und die Nachfrage zur\u00fcckgefahren werden, um die Sparneigung weiter anzukurbeln, der hat die logischen Fehler der neoklassischen Theorie immer noch nicht verstanden. <\/p>\n<p>So l\u00e4sst sich also res\u00fcmieren, dass es keineswegs Greenspans expansive Geldpolitik mit niedrigen Zinss\u00e4tzen war, die urs\u00e4chlich den Aufbau und das Platzen der Hypothekenblase als Ursache der Finanzkrise zu verschulden hatte. Vielmehr verhinderte ein Konglomerat von zunehmender Deregulierung der Finanzm\u00e4rkte, leichtfertiger Kreditvergaben, rigider Lohnpolitik und der Mi\u00dfachtung immer gr\u00f6\u00dferer Leistungbilanzunterschiede aufgrund ideologischer Verblendung eine pragmatische Politik der Eind\u00e4mmung entsprechender Risiken. <\/p>\n<p>Bemerkenswert ist aber auch, dass Alan Greenspan selbst im Alter und trotz seiner Erfahrungen in der Misere weiter unbeirrt an seinen neoklassischen Ansichten vom Sparen und Investieren festh\u00e4lt. In seinem Sp\u00e4twerk &#8222;The Map and the Territory&#8220; (Penguin Press 2013) behauptet er z. B., dass in den USA die enorme Erh\u00f6hung der Sozialausgaben eins zu eins die Ersparnisse verdr\u00e4ngt habe und dadurch seiner Ansicht nach auch die Investitionen entsprechend zur\u00fcckgegangen w\u00e4ren.  <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMit ihrer (gemeint sind die US-amerikanischen Privathaushalte) hohen Verschuldungsbereitschaft haben sie in den letzten Jahren massive Nachfrageimpulse f\u00fcr die Weltwirtschaft geleistet. 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