{"id":21152732,"date":"2023-03-03T07:00:54","date_gmt":"2023-03-03T06:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=21152732"},"modified":"2024-07-04T08:55:18","modified_gmt":"2024-07-04T06:55:18","slug":"dieser-beitrag-altert-nicht-die-belohnungen-fuers-harte-arbeiten-sind-zu-maechtig-fuer-keynes-visionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/dieser-beitrag-altert-nicht-die-belohnungen-fuers-harte-arbeiten-sind-zu-maechtig-fuer-keynes-visionen\/","title":{"rendered":"Dieser Beitrag altert nicht: Die Belohnungen f\u00fcrs harte Arbeiten sind zu m\u00e4chtig f\u00fcr Keynes&#8216; Visionen"},"content":{"rendered":"<p>Der ber\u00fchmte \u00d6konom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Maynard_Keynes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">John Maynard Keynes<\/a> lag schon richtig mit seiner Annahme, dass es uns heute besser geht als den Menschen in seiner Epoche, doch nur auf Kosten unserer Freizeit. <\/p>\n<p><Center><a title=\"John Maynard Keynes 1933 von Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AKeynes_1933.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Keynes 1933\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/04\/Keynes_1933.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>John Maynard Keynes im Jahre 1933<\/em><\/center><\/p>\n<p>Lange Arbeitszeiten zahlen sich in finanzieller Hinsicht aus, bedeuten aber auch, dass wir weniger Zeit f\u00fcr sonstige Besch\u00e4ftigungen haben.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Sollte Keynes nun auf die heutige Situation herabschauen &#8211; er w\u00fcrde sicherlich auch einen guten Schutzengel f\u00fcr Wirtschaftswissenschaftler abgeben &#8211; dann w\u00fcrde er den Autor dieser Zeilen sicherlich fragen, warum er \u00fcberhaupt diesen Artikel schreibt anstatt im Liegestuhl am Pool zu sitzen.<\/p>\n<p>&#8222;Drei Stunden am Tag sind v\u00f6llig ausreichend,&#8220; prophezeite er 1930 in seinem Essay <a href=\"http:\/\/www.econ.yale.edu\/smith\/econ116a\/keynes1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Economic Possibilities for our Grandchildren&#8220;<\/a> (dt.: Die wirtschaftlichen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr unsere Enkelkinder). <\/p>\n<p>Der Aufsatz bietet gleich zwei bekannte Spekulationen: dass die Menschen im Jahr 2030 es acht Mal besser haben werden als ihre Vorg\u00e4nger 1930; und dass wir daher als Ergebnis dieser Tatsache alle nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten und uns fragen, wie wir unsere \u00fcbrige Zeit ausf\u00fcllen sollen.<\/p>\n<p>Keynes hatte allerdings nur zum Teil recht. Abgesehen von ein paar Katastrophen in den n\u00e4chsten 15 Jahren waren seine rosig anmutenden Prognosen des globalen Wachstums eher zu niedrig angesetzt. Der Drei-Stunden-Arbeitstag bleibt jedoch trotzdem unerreichbar. <\/p>\n<p>(Keynes selbst blieb kinderlos, aber <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/NPR\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NPRs<\/a> Blog <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Planet_Money\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Planet Money<\/a> konnte vor kurzem die Enkel seiner Schwester aufsp\u00fcren und fragte sie, ob sie nur 15 Stunden pro Woche arbeiten w\u00fcrden. Aber auch sie arbeiten heute mehr.)<\/p>\n<p>Also wo hat Keynes sich geirrt? Zwei Antworten kommen einem sofort in den Sinn &#8211; eine vornehme, und eine weniger noble. Die vornehme Antwort ist, dass wir einige Arten von Arbeit doch ziemlich m\u00f6gen. Wir genie\u00dfen die Zeit mit unseren Kollegen, die intellektuelle Anregung oder auch das Gef\u00fchl, einen Job gut gemacht zu haben. Die unedle Antwort ist, dass wir hart arbeiten, weil es in unserem Wunsch einander auszustechen kein Ende gibt.<\/p>\n<p>Keynes ber\u00fccksichtigte beide M\u00f6glichkeiten, aber vielleicht hat er sie nicht ernst genug genommen. Er war wohl nicht in der Lage gewesen vorauszusehen, dass neuere Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass die miserable Erfahrung der Arbeitslosigkeit in keinem Verh\u00e4ltnis zu ihren direkten Effekten auf das Einkommen steht.<\/p>\n<p>Vielleicht konnte Keynes auch nicht erkennen, dass mehr als nur demonstrativer Konsum notwendig ist, um mit den <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Keeping_up_with_the_Joneses\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Joneses&#8220;<\/a> mitzuhalten. Wir wollen in einer angenehmen Wohngegend mit guten Schulen und einfachem Zugang zu dynamischen Arbeitgebern leben. Als Ergebnis finden wir uns in einem heftigen Wettbewerb um einen begrenzten Vorrat an erstrebenswerten Immobilien wieder.<\/p>\n<p>Es gibt subtilere Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Keynes&#8216; Fehler. Wie der verstorbene <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gary_Becker\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gary Becker<\/a> in einem Essay mit Luis Rayo beobachtete, wurde Keynes m\u00f6glicherweise durch die Betrachtung des Nichtstuns der Elite der 1920er Jahre in die Irre gef\u00fchrt. <\/p>\n<p>Der zu den &#8222;1 Prozent&#8220; flie\u00dfende Anteil der Einkommen war damals nicht viel anders als heute, doch besa\u00dfen sie fr\u00fcher viel mehr Verm\u00f6gen. Die Eink\u00fcnfte aus dem angelegten Kapital eines Gentleman aus der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bloomsbury_Group\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bloomsbury Group<\/a> in den 1920er Jahren waren ebenso hoch wie die der heutigen wohlhabenden Partner einer New Yorker Anwaltskanzlei, die im 21. Jahrhundert mit einem riesigen Stundensatz arbeiten. Doch es ist kein Geheimnis, dass dieser Gentleman seine Zeit damals m\u00fc\u00dfig in seinem Klub verbrachte, w\u00e4hrend der Anwalt heute arbeitet, bis er aus den Socken f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren ver\u00f6ffentlichten die \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mark_Aguiar\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mark Aguiar<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.chicagobooth.edu\/faculty\/directory\/h\/erik-hurst\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erik Hurst<\/a> eine Untersuchung dar\u00fcber, wie sich die amerikanische Arbeit und Freizeit zwischen 1965 und 2005 entwickelt hatte. <\/p>\n<p>Sowohl M\u00e4nner als auch Frauen verf\u00fcgten \u00fcber mehr Freizeit &#8211; wenn auch bei weitem nicht so viel wie Keynes es fr\u00fcher erwartet hatte. Doch einige Leute widersetzten sich diesem Trend. <\/p>\n<p>Die am besten Ausgebildeten und die oberen Einkommensgruppen, auch hier sowohl M\u00e4nner wie Frauen, besa\u00dfen weniger freie Zeit als jemals zuvor. Ab Mitte der 1980er Jahre begann diese Elite, alles andere aufzugeben und sich wie besessen in die Arbeit zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Vielleicht ist die wahre Geschichte also die, dass wir versuchen nicht mit den &#8222;Joneses&#8220; aber mit unseren Arbeitskollegen mitzuhalten. Durch immer mehr Arbeitsstunden und immer weniger Urlaub steigen wir auf der Karriereleiter immer h\u00f6her. <\/p>\n<p>Es kann kein Zufall sein, dass diese Verringerung der Freizeit in den 1980er Jahren begann, zu einer Zeit als die Ungleichheit an der Spitze dieser Leiter besonders anschwoll. Die Belohnung f\u00fcr die h\u00e4rteste Arbeit ist enorm gro\u00df.<\/p>\n<p>Wir sind immer noch 15 Jahre entfernt von der Welt, die Keynes sich vorgestellt hatte. Wenn wir seinen entspannten Erwartungen gerecht werden wollen, muss sich noch viel \u00e4ndern. Wir werden reichlichen Zugang zu sch\u00f6nen Schulen und Stadtteilen brauchen, und weniger von der Kultur des Ratten-Rennens im B\u00fcro.<\/p>\n<p>Das klingt durchaus w\u00fcnschenswert. Aber vielleicht ist die grundlegende Wahrheit auch die, dass viele von uns es genie\u00dfen, an etwas zu arbeiten, was der M\u00fche wert erscheint, oder solche T\u00e4tigkeiten anstreben. John Maynard Keynes war ein reicher Mann, doch das konnte ihn offenbar nicht davon abhalten, sich f\u00f6rmlich zu Tode zu arbeiten.<\/p>\n<p>Er starb 1946 im Alter von nur 62 Jahren an Herzversagen, bis zuletzt war er als Berater f\u00fcr die britische Regierung bei den Verhandlungen \u00fcber das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bretton-Woods-System\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bretton-Woods-System<\/a> und den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationaler_W%C3%A4hrungsfonds\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">IWF<\/a> t\u00e4tig und verfasste dazu einen Monat vor seinem Tod noch die Abhandlung &#8222;Die anglo-amerikanischen finanziellen Abmachungen&#8220;.<\/p>\n<p><em>(Eigene aktualisierte \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/timharford.com\/2015\/08\/the-rewards-for-working-hard-are-too-big-for-keyness-vision\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des britischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tim_Harford\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tim Harford<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ber\u00fchmte \u00d6konom John Maynard Keynes lag schon richtig mit seiner Annahme, dass es uns heute besser geht als den Menschen in seiner Epoche, doch nur auf Kosten unserer Freizeit. 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