{"id":19347,"date":"2014-05-20T07:16:09","date_gmt":"2014-05-20T05:16:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=19347"},"modified":"2015-09-28T14:28:30","modified_gmt":"2015-09-28T12:28:30","slug":"alternative-wirtschaftstheorie-teil-13-zins-devisenbilanz-und-das-lohn-preisniveau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-teil-13-zins-devisenbilanz-und-das-lohn-preisniveau\/","title":{"rendered":"Alternative Wirtschaftstheorie &#8211; Teil 13: Zins, Devisenbilanz und das Lohn-\/Preisniveau"},"content":{"rendered":"<p>Neben der <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-teil-12-zentralbankzins-und-devisenbilanz\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie \u2013 Teil 12: Zentralbankzins und Devisenbilanz \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">im letzten Beitrag<\/a> beschriebenen M\u00f6glichkeit, durch Kapitalexport ein Defizit der Devisenbilanz und damit ein erhebliches Problem f\u00fcr die Zinssteuerung der Zentralbanken hervorzurufen, kann auch eine passive Handels- (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leistungsbilanz\" title=\"Leistungsbilanz \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Leistungsbilanz<\/a>) aufgrund \u00fcberh\u00f6hter Preise und L\u00f6hne einen \u00e4hnlichen Effekt haben.<\/p>\n<p><center><a title=\"\u00c4nderung der Brutto- und Reall\u00f6hne und des Preisindex in Deutschland by Con-struct [GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ALohn%C3%A4nderungen_Deutschland.svg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"\u00c4nderung der Brutto- und Reall\u00f6hne und des Preisindex in Deutschland\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/6\/6d\/Lohn%C3%A4nderungen_Deutschland.svg\/512px-Lohn%C3%A4nderungen_Deutschland.svg.png\"\/><\/a><\/center><\/p>\n<p>Dabei ist es unerheblich, ob die Investition im Inland \u00fcberzogen ist oder nicht. Ganz im Gegenteil kann ein Leistungsbilanzdefizit auch entstehen, wenn die Investitionen v\u00f6llig unzureichend und die Besch\u00e4ftigungssituation infolgedessen ebenso unbefriedigend ist.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung f\u00fcr das Devisendefizit liegt in einem solchen Falle allein in einer \u00fcbertriebenen Steigerung des inl\u00e4ndischen Kosten- und Preisniveaus gegen\u00fcber dem Ausland. Dies ist immer die Folge einer nicht richtigen Anpassung von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wechselkurs\" title=\"Wechselkurs \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Wechselkurs<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nominallohn\" title=\"Nominallohn \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Nominall\u00f6hnen<\/a>.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Zur L\u00f6sung einer solchen Problematik w\u00e4re es notwendig, eins von beiden oder beide zu senken. Passiert das nicht, so ist davon auszugehen, dass eine Korrektur durch eine Versch\u00e4rfung der wirtschaftlichen Krise erfolgen wird.<\/p>\n<p>Dabei kann die Diskrepanz der Preis- und Kostenniveaus durch einen \u00f6konomischen Schock infolge einer weltwirtschaftlichen Depression verursacht werden. Geraten wichtige Industriel\u00e4nder in eine Krise und setzt die folgenschwere Spirale aus andauernden Preis- und Lohnsenkungen ein, so ist eine starke Beeintr\u00e4chtigung des au\u00dfenwirtschaftlichen Gleichgewichts in der Regel unausweichlich.<\/p>\n<p>\u00dcber die richtigen volkswirtschaftlichen L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten in solch krisenhaften Zeiten schrieb <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" title=\"Wilhelm Lautenbach \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Wilhelm Lautenbach<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p><b>Nicht notwendig und auch durchaus nicht rationell ist aber die automatische Reaktion, n\u00e4mlich die Steigerung des Diskontsatzes. <\/p>\n<p>Richtig und rationell w\u00e4re vielmehr die Korrektur sofort da vorzunehmen, wo sie letztlich erfolgen mu\u00df und durch die Diskonterh\u00f6hung nur auf einem schmerzensreichen und ungemein kostspieligen Wege erzwungen wird, n\u00e4mlich am Valutakurs oder, was schon bedeutend schlechter w\u00e4re, bei den L\u00f6hnen. <\/b><\/p>\n<p><em>Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 75<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Demnach w\u00e4re die Ver\u00e4nderung des Valuta-(Wechsel-)kurses unter diesen Bedingungen die eindeutig vorteilhafteste Methode. Sie w\u00fcrde n\u00e4mlich das innere Gef\u00fcge einer Volkswirtschaft am wenigsten beeintr\u00e4chtigen, w\u00e4hrend Lohnsenkungen einen komplizierten Prozess der Preiskorrektur nach unten zwingend erforderlich machen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Zudem w\u00fcrden sie eine eher selten w\u00fcnschenswerte Verschiebung der Einkommens- verh\u00e4ltnisse nach sich ziehen. Unternehmer als Schuldner werden gegen\u00fcber den Gl\u00e4ubigern erheblich benachteiligt, das Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeits- und Kapital- einkommen verschlechtert sich ebenfalls. <\/p>\n<p>Die Devisenbilanz ist demnach also kein tats\u00e4chlich verl\u00e4\u00dfliches Barometer f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung, und die Berichtigungen, die einem Devisenbilanzdefizit automatisch folgen, sind zumeist nicht wirklich rationell.<\/p>\n<p>Somit w\u00e4re dann eine normale Weltwirtschaftslage die grunds\u00e4tzliche Voraussetzung daf\u00fcr, dass Devisenbewegungen automatisch sinnvolle Korrekturen ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Bei einigerma\u00dfen gesunden Verh\u00e4ltnissen in der Weltwirtschaft mit stabilen Preis- und W\u00e4hrungs- entwicklungen kann dieser Mechanismus in der Regel durchaus zufriedenstellend funktionieren.<\/p>\n<p>Schlicht gesagt wird einem Land, in dem die Konjunktur aufgrund sinkender Investitionst\u00e4tigkeit zur\u00fcckgeht, durch den Weltmarkt geholfen, auf Dauer seine Devisen- und Leistungsbilanz wieder ins Gleichgewicht zu bringen.<\/p>\n<p>Vollkommen anders allerdings sieht es aus, wenn die Konjunkturst\u00f6rungen von au\u00dferhalb kommen, wenn wichtige Industriel\u00e4nder weltweit in eine Wirtschaftskrise geraten und damit Leistungs- und Devisenbilanzdefizite verursachen.<\/p>\n<p>Als schlimmstes Beispiel f\u00fcr eine solche Entwicklung gilt immer noch die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftskrise\" title=\"Weltwirtschaftskrise \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Weltwirtschaftskrise von 1929<\/a>, als alle gro\u00dfen Industriel\u00e4nder nahezu zeitgleich einen gewaltigen Einbruch der Konjunktur erlebten und aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht durch den Weltmarkt gest\u00fctzt werden konnten, so dass sich die Krise durch Selbstinduktion immer weiter versch\u00e4rfte. <\/p>\n<p>Als weitere M\u00f6glichkeit kann eine Devisen- bzw. Leistungsbilanzdefizit auch durch eine falsche Lohnpolitik verursacht werden. Dies ist ebenso m\u00f6glich bei ansonsten normaler Konjunkturlage.<\/p>\n<p>In einem solchen Fall ist die durch den Devisenabflu\u00df notwendige Korrektur f\u00fcr die Volkswirtschaft schmerzhaft und teuer, dies umso mehr, je l\u00e4nger sich die Politik dagegen wehrt, die erforderlichen Konsequenzen einzusehen und umzusetzen.<\/p>\n<p>Um eine entsprechende Anpassung vom Wechselkurs an die L\u00f6hne oder umgekehrt wird dann niemand herumkommen, eine entsprechende Senkung eines der beiden wird letzlich immer erzwungen. <\/p>\n<p>Zusammenfassend zog Lautenbach \u00fcber seine Betrachtungen folgendes Fazit:<\/p>\n<blockquote><p><b>In einer Volkswirtschaft, die im freien Warenaustausch und Zahlungsverkehr mit dem Auslande steht, wird die Liquidit\u00e4t des inneren Kreditsystems durch die Devisenbilanz bestimmt. <\/p>\n<p>Die Devisenbilanz ist aber nur, wenn in der Weltwirtschaft normale Verh\u00e4ltnisse herrschen, wenn keine st\u00e4rkeren Strukturver\u00e4nderungen in der Welt drau\u00dfen oder im Inlande eintreten, wenn nicht politisch bedingte Kapitalfluktuationen im Spiel sind und wenn eine rationelle Lohn- und Valutapolitik getrieben wird, symptomatisch f\u00fcr das innerwirtschaftliche Gleichgewicht, und nur sofern sie symptomatisch f\u00fcr das innerwirtschaftliche Gleichgewicht ist, wird der Zins automatisch durch die Liquidit\u00e4t unter dem Einflu\u00df der Gold- und Devisenbewegung rationell gesteuert.<\/b><\/p>\n<p><em>Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 77<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit habe aber der an diesen Aufgaben ausgerichtete Zins seiner Meinung nach in erster Linie nicht die Funktion, die wir ihm entsprechend der Analyse in <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-der-beschaeftigungspolitisch-optimale-zins-teil-6\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie: der besch\u00e4ftigungspolitisch optimale Zins \u2013 Teil 6 \u203a \u00d6konomie und Sport\">Alternative Wirtschaftstheorie: der besch\u00e4ftigungspolitisch optimale Zins \u2013 Teil 6<\/a> zugewiesen haben.<\/p>\n<p>Anstatt also haupts\u00e4chlich die Wirtschaft auf Vollbesch\u00e4ftigung und Verbrauchs- maximierung auszupendeln, muss demnach der Zins die Binnenwirtschaft auf die weltwirtschaftlichen Bedingungen abstimmen.<\/p>\n<p>Diese Anpassung ist f\u00fcr jeden Staat absolut unerl\u00e4sslich, da kein einziges Land v\u00f6llig autonom als geschlossene Wirtschaft bestehen kann. Allerdings ist es nicht notwendig und auch nicht rationell, die unvermeidliche Abstimmung nur durch das Mittel der Zinssteuerung und damit besonders kostspielig f\u00fcr die Volkswirtschaft durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Der Zins f\u00fchrt diesen Ausgleich nur indirekt durch eine mittels Krise oder Depression erzwungene Lohn- oder Wechselkurssenkung herbei.<\/p>\n<p>Sinnvoller w\u00e4re es, bei einem l\u00e4nger anhaltenden Leistungsbilanzdefizit den Wechselkurs direkt zu senken, wenn eine Drosselung der Investitionen die M\u00f6glichkeit eines dauerhaften Produktionsabbaues bef\u00fcrchten l\u00e4sst.   <\/p>\n<p>Damit wird klar, dass jede Volkswirtschaft allerdings beiden Herausforderungen gewachsen sein muss: Sie muss sowohl eine ausgeglichene Leistungsbilanz mit dem Ausland als auch eine rationelle Ausnutzung aller Produktivkr\u00e4fte der heimischen Wirtschaft, also m\u00f6glichst Vollbesch\u00e4ftigung haben.<\/p>\n<p>Somit kann man mit Lautenbachs Worten feststellen:<\/p>\n<blockquote><p><b>Beiden Bedingungen kann aber nur gen\u00fcgt werden dadurch, da\u00df einerseits das Kosten- (Lohn-) Niveau durch den Valutakurs richtig mit dem ausl\u00e4ndischen Kosten- und Preisniveau abgestimmt wird und andererseits dadurch, da\u00df die Investition im Inlande entsprechend dosiert wird. <\/p>\n<p>Weder der einen noch der anderen Aufgabe kann man sich entziehen.<\/b><\/p>\n<p><em>Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 77<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit aber wird auch klar, dass, wenn diese Bedingungen nicht erf\u00fcllt sind, neben den normalen Marktregulatoren wie Preise und Wechselkurse auch die automatische Zinsbildung au\u00dfer Kraft gesetzt ist.<\/p>\n<p>Weiter geht es im <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-letzter-teil-die-kollision-der-verschiedenen-aufgaben-des-zinses\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie \u2013 letzter Teil: Die Kollision der verschiedenen Aufgaben des Zinses \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">n\u00e4chsten Beitrag<\/a> mit einer Zusammenfassung der verschiedenen Aufgaben des Zinses und dem Versuch einer Beurteilung der Beeinflussung der Zinssteuerung durch diese unterschiedlichen Symptome.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben der im letzten Beitrag beschriebenen M\u00f6glichkeit, durch Kapitalexport ein Defizit der Devisenbilanz und damit ein erhebliches Problem f\u00fcr die Zinssteuerung der Zentralbanken hervorzurufen, kann auch eine passive Handels- (Leistungsbilanz) aufgrund \u00fcberh\u00f6hter Preise und L\u00f6hne einen \u00e4hnlichen Effekt haben. 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