{"id":1903,"date":"2013-06-22T10:30:39","date_gmt":"2013-06-22T08:30:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=1903"},"modified":"2026-02-13T08:07:50","modified_gmt":"2026-02-13T07:07:50","slug":"dani-rodrik-das-globalisierungs-paradox","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/dani-rodrik-das-globalisierungs-paradox\/","title":{"rendered":"Dani Rodrik: Das Globalisierungs-Paradox"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es heute ein Schlagwort gibt, welches den meisten Menschen Unbehagen bereitet, dann ist das die &#8222;Globalisierung&#8220;.<\/p>\n<p><center><a title=\"Proteste gegen die Politik von Weltbank und IWF in Washington von Ben Schumin (Ben Schumin) [GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AA16_IMF_march.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Proteste gegen die Politik von Weltbank und IWF in Washington\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/f4\/A16_IMF_march.jpg\/512px-A16_IMF_march.jpg\"\/><\/a><\/center><\/p>\n<p>Denn es ist genau dieses Stichwort, das immer wieder als Begr\u00fcndung herhalten muss, wenn die Politik wieder einmal &#8222;Alternativloses&#8220; durchsetzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Zumeist handelt es sich dabei auch noch um Verschlechterungen des aktuellen Status Quo, und alle beeilen sich schnell zu versichern, dass solche Ma\u00dfnahmen &#8222;im Zuge der Globalisierung unabwendbar&#8220; seien.<\/p>\n<p>Was aber ist da wirklich dran an den angeblichen unabwendbaren Zw\u00e4ngen, die uns durch die Globalisierung vorgegeben werden? Ist es tats\u00e4chlich notwendig, dass wir unsere sozialen Errungenschaften opfern m\u00fcssen, um ihm weltweiten \u00f6konomischen Wettstreit bestehen zu k\u00f6nnen? <\/p>\n<p>Nun, bei dem Versuch, diese Fragen zu kl\u00e4ren, ist mir ein Buch des t\u00fcrkischen \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dani_Rodrik\" title=\"Dani Rodrik\" target=\"_blank\">Dani Rodrik<\/a> mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.buecher.de\/shop\/home\/artikeldetails\/A1057863988\" title=\"Das Globalisierungs-Paradox\" target=\"_blank\">Das Globalisierungs-Paradox<\/a> in die H\u00e4nde gefallen.<\/p>\n<p><b>Anders als gedacht: Warum offenere Gesellschaften einen st\u00e4rkeren Staat haben<\/b><br \/>\nSchon in der Einleitung zu seinem Buch erregt Rodrik Aufsehen, in dem er sich klar von der herrschenden neoliberalen Sicht auf die Weltwirtschaft abgrenzt.<br \/>\nEr schreibt dort:<\/p>\n<blockquote><p>Ich m\u00f6chte in diesem Buch ein Alternativszenario pr\u00e4sentieren, das auf zwei simplen Gedanken fu\u00dft:<\/p>\n<p><b>Erstens: Markt und Staat schlie\u00dfen einander nicht aus, sondern erg\u00e4nzen einander. Wer mehr und bessere M\u00e4rkte will, muss mehr (und bessere) staatliche Kontrolle herbeif\u00fchren. M\u00e4rkte funktionieren am besten nicht dort, wo sie es mit einem schwachen, sondern dort, wo sie es mit einem starken Staat zu tun haben.<\/p>\n<p>Zweitens: es gibt nicht nur eine Spielart des Kapitalismus. Wirtschaftlicher Wohlstand und Stabilit\u00e4t lassen sich durch vielf\u00e4ltige Kombinationen institutioneller Arrangements von Arbeitsmarkt, Finanzwesen, Unternehmenskultur, Sozialpolitik und anderen Faktoren herbeif\u00fchren und sicherstellen.<\/b> <\/p><\/blockquote>\n<p>Rodrik beginnt sein Buch mit einem unterhaltsamen und informativen R\u00fcckblick auf die Anf\u00e4nge der Globalisierung.<br \/>\nDer Handel mit Biberfellen ist f\u00fcr ihn einer der Urspr\u00fcnge des weltweiten Handels. Anhand der daraus entstandenen Hudson&#8217;s Bay Company erl\u00e4utert er den merkantilistischen Charakter des ersten l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Handelssystems.<\/p>\n<p>Schon damals sei eine umfassende Globalisierung nur mit einer starken institutionellen Infrastruktur m\u00f6glich gewesen, um die Ungewissheiten und Gef\u00e4hrdungen, denen ein solch aufwendiges Handelsunterfangen ausgesetzt war, \u00fcberhaupt bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kompanien wie die Hudson&#8217;s Bay-, die Ostindien- oder die Royal African Kompanie erhielten dabei umfangreiche Monopolrechte, mussten aber im Gegenzug quasi-staatliche Aufgaben wie die Sicherung der Handelswege oder die Erschliessung neuer M\u00e4rkte \u00fcbernehmen. <\/p>\n<p>Dani Rodrik verfolgt diese Gedanken bis in die 1990er Jahre, in der ihm zu \u00dcberlegungen \u00fcber die notwendige Gr\u00f6\u00dfe des \u00f6ffentlichen Sektors eine Studie mit \u00fcberraschendem Ergebnis bekannt wurde:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&#038;rct=j&#038;q=the%20expansion%20of%20the%20public%20economy%20cameron&#038;source=web&#038;cd=2&#038;ved=0CDoQFjAB&#038;url=http%3A%2F%2Fwww.uiowa.edu%2F~c030137%2Fcameron.pdf&#038;ei=707BUYe2EIbWswbinIDgBA&#038;usg=AFQjCNGpoFoZ7TAQ5ZFHX0mG_8IqCAf7bg\" title=\"The Expansion of the Public Economy\" target=\"_blank\">The Expansion of the Public Economy<\/a><\/p>\n<p>Der Politologe David Cameron hatte darin untersucht, warum der staatliche Anteil in den f\u00fchrenden Industrienationen nach dem zweiten Weltkrieg so rasant gestiegen war. Das Ergebnis war erstaunlich: Der \u00f6ffentliche Sektor war am meisten in den Staaten gewachsen, die auch am st\u00e4rksten dem globalen Handel ausgesetzt waren.  <\/p>\n<p>Aufgrund des vorherrschenden Dogmas vom &#8222;schlanken Staat&#8220; als Vorraussetzung f\u00fcr erfolgreiches globales Handeln zweifelte Rodrik an der Aussagef\u00e4higkeit von Camerons Ausf\u00fchrungen und stellte selbst Nachforschungen an.<\/p>\n<p>Doch auch er konnte die Grundaussagen dieser Arbeit nicht widerlegen. Im Gegenteil kam Rodrik immer mehr zu der \u00dcberzeugung, dass Cameron recht hatte. Eine eigene Studie (<a href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=4182\" title=\"Why Do More Open Economies Have Bigger Governments?\" target=\"_blank\">Why Do More Open Economies Have Bigger Governments?<\/a>) und eine weiterf\u00fchrende Arbeit von Giuseppe Bertola und Anna Lo Prete (2008) <a href=\"https:\/\/www.ifk-cfs.de\/index.php?id=1521\" title=\"Openness, financial markets, and policies: Cross-country and dynamic patterns\" target=\"_blank\">Openness, financial markets, and policies: Cross-country and dynamic patterns<\/a> lie\u00dfen ihn zu grunds\u00e4tzlich anderen Annahmen als Voraussetzungen zur erfolgreichen Teilnahme am weltweiten Handelsgeschehen kommen.<\/p>\n<p><b>Das politische Trilemma der Weltwirtschaft<\/b><br \/>\nRodrik b\u00fcndelt seine Analyse in dem Schlu\u00df, dass die drei Vorhaben Demokratie, nationale Selbstbestimmung und wirtschaftliche Globalisierung nicht zeitgleich verwirklicht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Seiner Ansicht nach kranken globale M\u00e4rkte unter schwacher Kontrolle und sind deshalb \u201eanf\u00e4llig f\u00fcr Instabilit\u00e4t, Ineffizienz und einen Mangel an demokratischer Legitimation\u201c.  Die Bilanz der \u201efinanziellen Globalisierung\u201c f\u00e4llt f\u00fcr ihn eher bescheiden aus, alles in allem hat sie \u201eeher zu mehr Instabilit\u00e4t als zu mehr Investitionen und h\u00f6herem Wachstum\u201c gef\u00fchrt.<br \/>\nGerade die Entwicklungsl\u00e4nder haben bei dieser Entwicklung erhebliche R\u00fcckschritte in ihrer \u00f6konomischen Prosperit\u00e4t hinnehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dani Rodrik ist kein strikter Globalisierungsgegner, doch er legt den Finger genau in die Wunden der herrschenden Wirtschaftstheorie, die einen &#8222;grenzenlosen Freihandel&#8220; als unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgreiche Teilnahme am weltweiten Handelsmarkt ansieht. <\/p>\n<p>Er stellt fest, dass diese neoliberale Ideologie die j\u00fcngst entstandenen Krisen \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich gemacht habe.<br \/>\nNationale Demokratie und \u201etiefe Globalisierung\u201c sind nach Rodriks \u00dcberzeugung nicht miteinander vereinbar:<\/p>\n<blockquote><p><b>Die politische Demokratie wirft einen langen Schatten auf die Finanzm\u00e4rkte und beraubt jede nationale Regierung der M\u00f6glichkeit, ihr Land tief in die Weltwirtschaft zu integrieren.<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p><b>Sieben Grunds\u00e4tze f\u00fcr einen modernisierten weltweiten Kapitalismus<\/b><br \/>\nRodrik bietet als L\u00f6sung einen &#8222;Kapitalismus 3.0&#8220; an, der nach der ersten Variante der Marktwirtschaft, dem Imperialismus mit einer Minimalfassung der notwendigen staatlichen Institutionen, eine verbesserte Neufassung der Version 2.0, der &#8222;gelenkten Volkswirtschaft&#8220; des Zwanzigsten Jahrhunderts mit einem hohen Staatsanteil (\u00e4hnlich dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bretton-Woods-System\" title=\"Bretton-Woods-System\" target=\"_blank\">Bretton-Woods-System<\/a>) anbieten soll.<\/p>\n<p>Dieses Modell soll zwei entscheidende Vers\u00e4umnisse der neoliberalen Hyperglobalisierung ausgleichen: den notwendigen Unterbau der staatlichen Institutionen, ohne den eine rasche und tiefe Integration in die Weltwirtschaft nicht st\u00f6rungsfrei m\u00f6glich sei.<\/p>\n<p>Zudem soll es die (falsche) These der grunds\u00e4tzlich nicht vorhandenen oder nur positiven Auswirkungen der ungehemmten Globalisierung auf die Strukturen des Staates im Inland berichtigen.<\/p>\n<p>Als Grundger\u00fcst einer zuk\u00fcnftigen Weltwirtschaft stellt Rodrik sieben Grunds\u00e4tze zur Diskussion, die seiner Meinung nach notwendig sind, um den Herausforderungen einer demokratischen Globalisierung gewachsen zu sein:<\/p>\n<blockquote><p><b>1. M\u00e4rkte m\u00fcssen in politische Ordnungssysteme eingebettet werden<br \/>\n2. Demokratische Entscheidungsstrukturen werden nach wie vor \u00fcberwiegend von den Nationalstaaten organisiert<br \/>\n3. Es gibt verschiedene institutionelle Wege zum Wohlstand<br \/>\n4. L\u00e4nder haben grunds\u00e4tzlich das Recht, ihre eigenen staatlichen und sozialen Strukturen zu verteidigen<br \/>\n5. L\u00e4nder haben nicht das Recht, anderen ihre Institutionen aufzuzwingen<br \/>\n6. Internationale Wirtschaftsabkommen sollen Regeln f\u00fcr die Schnittstellen zwischen nationalen Institutionen festlegen<br \/>\n7. Nicht-demokratische L\u00e4nder k\u00f6nnen nicht dieselben Rechte und Privilegien innerhalb der internationalen Wirtschaftsordnung erhalten wie Demokratien<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p><b>Fazit:<\/b><br \/>\n&#8222;Das Globalisierungs-Paradox&#8220; ist f\u00fcr mich eines der wichtigsten Wirtschafts-B\u00fccher \u00fcberhaupt, da es klare Ansichten zu den oft nebul\u00f6sen &#8222;alternativlosen&#8220; Erfordernissen der wirtschaftlichen Globalisierung liefert.<\/p>\n<p>Sollte demn\u00e4chst mal wieder jemand behaupten, dass es unbedingt notwendig sei, zum volkswirtschaftlichen \u00dcberleben einige schmerzhafte &#8222;Reformen&#8220; durchf\u00fchren zu m\u00fcssen, so k\u00f6nnte jeder aufmerksame Leser dieses Buches eine kritische Analyse der angegebenen Gr\u00fcnde vollziehen.<\/p>\n<p>Schon allein deshalb halte ich dieses Buch in der \u00f6konomischen Diskussion f\u00fcr unverzichtbar.  <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es heute ein Schlagwort gibt, welches den meisten Menschen Unbehagen bereitet, dann ist das die &#8222;Globalisierung&#8220;. 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