{"id":18628,"date":"2014-05-14T07:21:38","date_gmt":"2014-05-14T05:21:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=18628"},"modified":"2026-04-24T11:57:08","modified_gmt":"2026-04-24T09:57:08","slug":"alternative-wirtschaftstheorie-teil-12-zentralbankzins-und-devisenbilanz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-teil-12-zentralbankzins-und-devisenbilanz\/","title":{"rendered":"Alternative Wirtschaftstheorie &#8211; Teil 12: Zentralbankzins und Devisenbilanz"},"content":{"rendered":"<p>In den bisherigen Beitr\u00e4gen dieser Reihe waren wir zu dem Schlu\u00df gekommen, dass in einem modernen Bankensystem die Politik der Zentralbank den Kreditinstituten die Richtung f\u00fcr ihr Handeln vorgibt.<\/p>\n<p>Ist die Zentralbank &#8222;mit dem Markt in F\u00fchlung&#8220; (so formulierte es <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" title=\"Wilhelm Lautenbach \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Wilhelm Lautenbach<\/a> in seinem Werk \u201cZins, Kredit und Produktion\u201d (1952)), so bedeutet die Festlegung des Zinssatzes ein eindeutiges Signal, das auch dementsprechend von der Kreditwirtschaft beachtet wird.<\/p>\n<p><center><a title=\"Hauptverwaltung Frankfurt der Deutschen Bundesbank von Dontworry (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ADeutsche-bundesbank-ffm012.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Hauptverwaltung Frankfurt der Deutschen Bundesbank\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/e1\/Deutsche-bundesbank-ffm012.jpg\"\/><\/a><\/center><\/p>\n<p>In den Zeiten des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Goldstandard\" title=\"Goldstandard \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Goldstandards<\/a> hatte die Notenbank diese N\u00e4he zum Markt in der Regel fast automatisch, die Zentralbanker konnten ruhigen Gewissens bei der Festlegung des Zinssatzes behaupten, sie w\u00fcrden nur dem Markt gehorchen.<\/p>\n<p>Bei Gold- und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Devisen\" title=\"Devisen \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Devisen<\/a>abflu\u00df erh\u00f6hten sie den Zinssatz und die Banken hatten keine andere Wahl, als sich dieser Ma\u00dfnahme sofort anzupassen, weil sie unter den gegebenen Umst\u00e4nden selber die Notenbank st\u00e4rker beanspruchen mussten.<br \/>\nDies bedeutete nichts anderes, als dass sie, um die von ihren Kunden angeforderten Devisen bezahlen zu k\u00f6nnen, gezwungen waren, sich selbst bei der Zentralbank h\u00f6her zu verschulden.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Diese Gold- und Devisenbewegungen waren dann, wenn es sich dabei nicht um Auslandskredite handelte, ein v\u00f6llig ausreichendes Indiz daf\u00fcr, dass in der Binnenwirtschaft mehr investiert als gespart wurde.<br \/>\nNach der klassischen Theorie k\u00f6nnte man daher den Zins auch als ein &#8222;Steuerorgan&#8220; ansehen, mit dem die Investition im Inland stets an die Menge der Ersparnisse im Inland angepasst werde.<\/p>\n<p>Allerdings hatten wir in den Beitr\u00e4gen <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-die-elemente-der-kreditmechanik-teil-7\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie \u2013 Teil 7: Die Elemente der Kreditmechanik \u203a \u00d6konomie und Sport\">Die Elemente der Kreditmechanik<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-teil-8-lautenbachs-kritik-an-der-klassischen-zinstheorie\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie \u2013 Teil 8: Lautenbachs Kritik an der klassischen Zinstheorie \u203a \u00d6konomie und Sport\">Lautenbachs Kritik an der klassischen Zinstheorie<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-teil-9-die-freie-zinsbildung\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie \u2013 Teil 9: Die freie Zinsbildung \u203a \u00d6konomie und Sport\">Die freie Zinsbildung<\/a> diese Behauptung als eine reine Fiktion entlarvt, die allgemein keineswegs als gerechtfertigt angesehen werden kann.<\/p>\n<p>Lautenbach zufolge sei die G\u00fcltigkeit dieser angeblichen theoretischen Formel denn auch h\u00f6chstens unter der Voraussetzung anwendbar, dass sich eine Volkswirtschaft mit dem Weltwirtschaftssystem in einem freien Waren- und Zahlungsverkehr befinde.<\/p>\n<blockquote><p><B>Nur unter dieser Bedingung gibt es das Ph\u00e4nomen der Goldbewegung, des Kapitalzu- und -abflusses und dadurch die M\u00f6glichkeit, dem Begriff \u00abverf\u00fcgbares Kapital\u00bb eine fa\u00dfbare reale Bedeutung beizulegen.<br \/>\nIn einer geschlossenen Wirtschaft g\u00e4be es dieses Ph\u00e4nomen der Goldbewegung nicht und so brauchte man dann ein anderes Kriterium, um festzustellen, welcher Zins richtig und rationell ist.<\/b><\/p>\n<p><em>Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 72<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber auch unter den Bedingungen einer Goldw\u00e4hrung war Lautenbach der Ansicht, dass sich der Zins nur unter folgenden Voraussetzungen richtig entwickeln k\u00f6nne:<\/p>\n<p>1. freier Waren- und Zahlungsverkehr mit dem Ausland,<\/p>\n<p>2. normale Wirtschaftsverh\u00e4ltnisse in der Weltwirtschaft,<\/p>\n<p>3. eine an der wirtschaftlichen Entwicklung ausgerichtete, rationelle W\u00e4hrungs- und Lohnpolitik, durch die der Wechselkurs das Preis- und Kostenniveau so mit dem Ausland ausgleicht, damit auch bei Vollbesch\u00e4ftigung der Ausgleich der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leistungsbilanz\" title=\"Leistungsbilanz \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Leistungsbilanz<\/a> erreicht wird,<\/p>\n<p>4. m\u00f6glichst keine oder nur geringe St\u00f6rungen der Wirtschaft durch \u00fcberm\u00e4\u00dfige <a href=\"http:\/\/wirtschaftslexikon.gabler.de\/Definition\/internationale-kapitalbewegungen.html\" title=\"Definition \u00bb internationale Kapitalbewegungen \u00ab | Gabler Wirtschaftslexikon\" target=\"_blank\">Kapitalbewegungen<\/a>, die auch bei ausgeglichener Leistungsbilanz auftreten k\u00f6nnen, wenn z. B. die Kapitalanlage im Ausland einen h\u00f6heren Gewinn verspricht.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es auch denkbar, dass ein niedriger Zins, der aufgrund der \u00f6konomischen Bedingungen notwendig ist, bei freiem <a href=\"http:\/\/wirtschaftslexikon.gabler.de\/Definition\/kapitalverkehr.html\" title=\"Definition \u00bb Kapitalverkehr \u00ab | Gabler Wirtschaftslexikon\" target=\"_blank\">Kapitalverkehr<\/a> mit dem Ausland von der Zentralbank nicht weiter durchsetzbar w\u00e4re, wenn zu viel Kapital in andere L\u00e4nder abgezogen wird.<\/p>\n<p>5. eine normale <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elastizit%C3%A4t_(Wirtschaft)\" title=\"Elastizit\u00e4t (Wirtschaft) \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Elastizit\u00e4t<\/a> der Produktion durch ein ideales Zusammenwirken aller volkswirtschaftlichen Produktionszweige. <\/p>\n<p>Allerdings m\u00fcsse auch bei Anerkennung der Gold- und Devisenbewegung als bestimmenden Faktor, der unter den oben genannten Bedingungen die Liquidit\u00e4t des Kreditsystems und damit auch die Zins- und Kreditpolitik bestimmt, trotzdem immer auch die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Devisenbilanz\" title=\"Devisenbilanz \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Devisenbilanz<\/a> als Abbild der wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse gesehen und \u00fcberpr\u00fcft werden.<\/p>\n<p>Dies gilt nat\u00fcrlich in gleichem Ma\u00dfe auch f\u00fcr die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zahlungsbilanz\" title=\"Zahlungsbilanz \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Zahlungsbilanz<\/a>.<\/p>\n<p>Eine ausgeglichene Devisenbilanz zeigt n\u00e4mlich nicht immer an, ob die Binnenwirtschaft auch tats\u00e4chlich &#8222;rund&#8220; l\u00e4uft, also nach M\u00f6glichkeit Vollbesch\u00e4ftigung herrscht und Verbrauchsg\u00fcterproduktion und Investitionen richtig aufeinander abgestimmt sind.<\/p>\n<p>Ebenso ist ein Defizit in der Devisenbilanz keinesfalls ein sicheres Signal daf\u00fcr, dass zuviel investiert wurde.<br \/>\nZwar k\u00f6nnen \u00dcbertreibungen bei der Investition ein Devisendefizit verursachen, weil sie die Preise im Inland steigen lassen und so ein ung\u00fcnstiges Preisverh\u00e4ltnis der eigenen Wirtschaft gegen\u00fcber dem Ausland entsteht. In der Folge steigen die Importe und sinken spiegelbildlich die Ausfuhren, und auch die Leistungsbilanz wird defizit\u00e4r.<\/p>\n<p>Doch diese Feststellung l\u00e4sst sich nicht umkehren: Eine passive Devisenbilanz muss nicht immer durch \u00fcbersteigerte Investitionen verursacht worden sein. Es kann ebenso ein Bilanzdefizit auftreten, wenn zu wenig investiert wurde und dadurch hohe Arbeitslosigkeit herrscht.<\/p>\n<p>Dies kann folgende Gr\u00fcnde haben:<\/p>\n<p>1. durch rein finanzielle Dispositionen kann eine ausgeglichene Devisenbilanz verhindert werden, dies gilt beispielsweise f\u00fcr die Kapitalanlage im Ausland. Dies kann sowohl politische Gr\u00fcnde haben, wie z. B. die Vermeidung von h\u00f6heren Steuern, als auch aufgrund wirtschaftlicher \u00dcberlegungen passieren.<\/p>\n<p>Denkbar w\u00e4re etwa die Absicht, h\u00f6here Kapitalertr\u00e4ge zu erzielen. Es entspricht durchaus dem Wesen der modernen Marktwirtschaft, dass das Kapital zur optimalen Vermehrung im Ausland angelegt wird, wenn Anlagen dort mehr Ertrag bringen als im Inland.<br \/>\nDadurch wird dann auch klar, dass der Inlandszins vom Auslandszins abh\u00e4ngig ist: besteht ein Zinsgef\u00e4lle, so werden entsprechende Kapitaldispositionen die Folge sein.<\/p>\n<p>Ein Defizit in der Devisenbilanz w\u00fcrde aber dann anzeigen, dass es eigentlich keinen Kapitalexport geben k\u00f6nnte, da ja die materielle Voraussetzung daf\u00fcr, n\u00e4mlich ein \u00dcberschuss in der Leistungsbilanz, nicht vorhanden ist. Trotzdem w\u00e4re aber bei Kapitalabfluss eine Korrektur notwendig, der Inlandszins m\u00fc\u00dfte also erh\u00f6ht werden. <\/p>\n<p>Auch Lautenbach war schon klar, welche Schwierigkeiten ein freier Waren- und Zahlungsverkehr mit dem Ausland damit f\u00fcr die Zinssteuerung der Notenbank bringen k\u00f6nnte:<\/p>\n<blockquote><p><B>Dabei ist es aber durchaus m\u00f6glich, da\u00df nunmehr das innere Wirtschaftsgleichgewicht gest\u00f6rt wird, die Investitionen, die bis dahin normal gewesen waren, eingeschr\u00e4nkt werden, die Besch\u00e4ftigung infolgedessen zur\u00fcckgeht. <\/p>\n<p>Die Ausbalancierung auf Vollbesch\u00e4ftigung ist unter diesen Umst\u00e4nden eine heikle Aufgabe.<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p><em>Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 73\/74<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>In der Regel werden dann unter dem Druck der Depression die L\u00f6hne gesenkt werden, das Preis- und Kostenniveau herabgesetzt und damit dann eigentlich erst die materiellen Voraussetzungen f\u00fcr den Kapitalexport, eine aktive Leistungsbilanz, geschaffen. <\/p>\n<p>Dies bedeutet aber auch, dass die Nominall\u00f6hne und die Inlandspreise nicht dadurch, dass die Anleger gespart haben, gedr\u00fcckt werden, sondern weil sie ihr bewegliches Geldverm\u00f6gen im Ausland angelegt haben, ebenso sinken auch die Reall\u00f6hne, trotzdem das Preisniveau gleichzeitig reduziert wurde. <\/p>\n<p>Denn in jedem Fall werden bei einer Senkung der Preise die Verm\u00f6genseinkommen auf Kosten des Arbeitseinkommens ansteigen, und zwar schon bei gleichbleibendem Nominalzins, um so mehr nat\u00fcrlich bei einer Erh\u00f6hung des Zinses. <\/p>\n<p>Diese erzwungene Ersparnis verspricht dabei nicht einmal die Entsch\u00e4digung, welche die Masse der Lohnempf\u00e4nger von einer \u00fcbersteigerten inl\u00e4ndischen Investition erwarten darf: diese wird ja in der Regel die Produktivit\u00e4t der Volkswirtschaft auf die Dauer verbessern.<\/p>\n<p>So ist der Vorteil ausl\u00e4ndischer Kapitalanlagen Einzelner auf die Dauer f\u00fcr die Gemeinschaft problematisch.<\/p>\n<p>Nur eine v\u00f6llig \u00fcbers\u00e4ttigte Volkswirtschaft, die keine eigenen Investitionsm\u00f6glichkeiten mehr hat, wird sich demnach einen Zins leisten k\u00f6nnen, der niedriger als der konkurrierender L\u00e4nder ist.<\/p>\n<p>Alle anderen Staaten, f\u00fcr die dies nicht gilt, werden dagegen ein mehr oder minder starkes Interesse daran haben, ausl\u00e4ndisches Kapital zur Verbesserung der eigenen Wirtschaftsleistung heranzuziehen. Daf\u00fcr muss dann der Inlandszins h\u00f6her sein als der Auslandszins, damit das Auslandskapital \u00fcberhaupt mit der Aussicht auf einen erhebliche Risikopr\u00e4mie angezogen werden kann.<\/p>\n<p>Um die Auswirkungen zu hoher Preise und L\u00f6hne auf die Leistungs- und Devisenbilanz und die Einschr\u00e4nkungen dieser volkswirtschaftlichen Fehlentwicklungen auf die Zinssteuerung der Zentralbanken geht es im <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-teil-13-zins-devisenbilanz-und-das-lohn-preisniveau\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie \u2013 Teil 13: Zins, Devisenbilanz und das Lohn-\/Preisniveau \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">n\u00e4chsten Beitrag<\/a> dieser Reihe. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den bisherigen Beitr\u00e4gen dieser Reihe waren wir zu dem Schlu\u00df gekommen, dass in einem modernen Bankensystem die Politik der Zentralbank den Kreditinstituten die Richtung f\u00fcr ihr Handeln vorgibt. 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