{"id":14480,"date":"2014-02-04T07:16:00","date_gmt":"2014-02-04T06:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=14480"},"modified":"2026-03-10T13:34:21","modified_gmt":"2026-03-10T12:34:21","slug":"says-law-der-grosse-irrglaube-der-angebotstheoretiker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/says-law-der-grosse-irrglaube-der-angebotstheoretiker\/","title":{"rendered":"Say&#8217;s Law: Der gro\u00dfe Irrglaube der Angebotstheoretiker"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><b>Um zum Wachstum zur\u00fcckzukehren, brauchen wir eine Angebotspolitik. Diese stimuliert auch die Nachfrage.<\/b><\/p>\n<p><em>Fran\u00e7ois Hollande auf einer Pressekonferenz am 14.01.2014<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p><center><a title=\"Fran\u00e7ois Hollande - meeting PS de Besan\u00e7on (10-04-2012) von Toufik-de-planoise (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AFran%C3%A7ois_Hollande_-_meeting_PS_de_Besan%C3%A7on_(10-04-2012)_-_1.JPG\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Fran\u00e7ois Hollande - meeting PS de Besan\u00e7on (10-04-2012) - 1\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/8\/87\/Fran%C3%A7ois_Hollande_-_meeting_PS_de_Besan%C3%A7on_%2810-04-2012%29_-_1.JPG\"\/><\/a><\/center><\/p>\n<p>Nun ist also passiert, was manche Beobachter seit einiger Zeit erwartet hatten. Mit den obigen Worten k\u00fcndigte Frankreichs Pr\u00e4sident Fran\u00e7ois Hollande Mitte Januar eine Wende in seiner Wirtschaftspolitik an. Es soll ab jetzt ein unternehmerfreundlicherer Kurs f\u00fcr mehr Wachstum sorgen und die Arbeitslosigkeit senken:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/eurokrise\/frankreichs-praesident-hollande-entlastet-arbeitgeber-um-30-milliarden-euro-12751977.html\" title=\"Frankreichs Pr\u00e4sident: Hollande entlastet Arbeitgeber um 30 Milliarden Euro\" target=\"_blank\">Frankreichs Pr\u00e4sident: Hollande entlastet Arbeitgeber um 30 Milliarden Euro<\/a><br \/>\nDie Konzentration auf eine wirtschaftsfreundliche Politik soll demnach also auch die Nachfrage anregen.<\/p>\n<p>Woher kennen wir aber diesen Satz?<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Nun, es handelt sich dabei um die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neoklassische_Theorie\" title=\"Neoklassische Theorie \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">neoklasissche<\/a> Variante des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saysches_Theorem\" title=\"Saysches Theorem \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Sayschen Theorems<\/a>, nachdem sich jedes Angebot automatisch seine Nachfrage schaffe. Dieses international auch Say&#8217;s Law genannte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theorem\" title=\"Theorem \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Theorem<\/a> ist einer der Grunds\u00e4tze der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Angebotspolitik\" title=\"Angebotspolitik \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Angebotspolitik<\/a>, nach der Wachstum und Besch\u00e4ftigung in einer Volkswirtschaft in erster Linie von den Kosten der Unternehmensseite abh\u00e4ngen. <\/p>\n<p>Wie Fran\u00e7ois Hollande weisen auch die neoklassischen Theoretiker dem Sayschen Gesetz einen generelle und wortw\u00f6rtliche Bedeutung zu: Der Satz &#8222;Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst&#8220; sei immer richtig.<\/p>\n<p>In der Folge der gro\u00dfen Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 war es neben dem Briten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Maynard_Keynes\" title=\"John Maynard Keynes \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">John Maynard Keynes<\/a> auch der deutsche \u00d6konom <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-der-deutsche-keynes\/\" title=\"Wilhelm Lautenbach \u2013 der \u201cdeutsche Keynes\u201d\">Wilhelm Lautenbach<\/a>, die mit ihren Arbeiten die generelle Bedeutung dieser Auslegung des Theorems anzweifelten und widerlegten.<\/p>\n<p>Doch es bedarf gar nicht unbedingt genauer Kenntnisse \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge zwischen dem gesamtwirtschaftlichen <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-unternehmergewinn-und-beschaeftigungsvolumen-teil-1\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie: Unternehmergewinn und Besch\u00e4ftigungsvolumen \u2013 Teil 1\">Unternehmergewinn<\/a> und den <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-unternehmergewinn-und-beschaeftigungsvolumen-teil-3\/\" title=\"Alternative Wirtschaftstheorie: Unternehmergewinn und Besch\u00e4ftigungsvolumen \u2013 Teil 3 \">Investitionen<\/a>, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Es reicht ein wenig gesunder Menschenverstand, um Say&#8217;s Ansichten \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit von \u00dcberproduktionskrisen aufgrund mangelnder Nachfragepl\u00e4ne ins Reich der Fabeln zu verweisen.<\/p>\n<p>Einzelwirtschaftlich gen\u00fcgt ein aufmerksamer Besuch eines heutigen Supermarktes oder eines anderen gro\u00dfen Verkaufsmarktes. W\u00e4re die klassische Ansicht richtig, so d\u00fcrfte es keine Artikel geben, &#8222;die in den Regalen liegenbleiben&#8220;. Es br\u00e4uchte auch keine Rabattaktionen zu geben, mit denen die Kunden zum Kauf verf\u00fchrt werden sollen. Ebenso d\u00fcrfte es keine verdorbenen Lebensmittel geben, die von den Verk\u00e4ufern &#8222;entsorgt&#8220; werden, weil sie niemand gekauft hat.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen, dass die Bedeutung von Marketing und Werbung heute immer mehr zunimmt, mit der klaren Zielrichtung, bestimmte Produkte &#8222;an den Mann zu bringen&#8220;. Auch das w\u00e4re wohl in diesem Ma\u00dfe nicht notwendig, wenn der Automatismus von Say&#8217;s Theorem richtig sein soll. <\/p>\n<p>Doch die eigentliche Bedeutung von Say&#8217;s Law soll ja auf der volkswirtschaftlichen Ebene liegen. Wie also sieht es dann in der Makro\u00f6konomie aus? Nun, auch hier reicht eine einfache Betrachtung, diesmal von ein paar Zahlen:  Ein guter Gradmesser w\u00e4re hier die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kapazit%C3%A4t_(Wirtschaft)#Volkswirtschaft\" title=\"Kapazit\u00e4t (Wirtschaft) \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Kapazit\u00e4tsauslastung<\/a> der deutschen Industrie. Dieser Wert pendelte <a href=\"http:\/\/de.tradingeconomics.com\/germany\/capacity-utilization\" title=\"DEUTSCHLAND - KAPAZIT\u00c4TSAUSLASTUNG\" target=\"_blank\">im Zeitraum von 2008 bis 2013 zwischen 70 und 88 Prozent<\/a>. Dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sachverst%C3%A4ndigenrat_zur_Begutachtung_der_gesamtwirtschaftlichen_Entwicklung\" title=\"Sachverst\u00e4ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Sachverst\u00e4ndigenrat<\/a> zufolge aber ist eine Normalauslastung des Produktionspotenzials erst dann gegeben, wenn die vorhandenen Produktionsfaktoren zu 96,75 % ausgelastet sind.  <\/p>\n<p>Wie aber kann das sein, wenn doch das Saysche Gesetz behauptet, das Angebot schaffe sich die Nachfrage selbst? Wie k\u00f6nnen dann Kapazit\u00e4ten nicht ausgelastet sein? Und warum sank die Auslastung im Zuge der Finanzkrise bis auf 70 Prozent?<\/p>\n<p>Die neoklassische Erkl\u00e4rung dieses Ph\u00e4nomens kann da nicht weiterhelfen. Denn wieso sollte die Industrie ihr Angebot drosseln, wenn sie eigentlich davon ausgehen kann, dass sie sich um die Nachfrage nach ihren Produkten keine Gedanken machen muss? Logischerweise bleibt hier als Antwort nur die Auswirkung einer mangelnden Nachfrage \u00fcbrig. Denn nur wenn Produkte nicht ausreichend nachgefragt werden, werden auch die Produktionskapazit\u00e4ten nicht ausgelastet.<\/p>\n<p>Dieser einfache Vergleich zeigt schon ohne gro\u00dfe Umst\u00e4nde die Fragw\u00fcrdigkeit der generellen G\u00fcltigkeit der klassischen Auslegung von Say&#8217;s Gesetz.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung f\u00fcr diese offensichtlich falsche Deutung der Aussagen von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean-Baptiste_Say\" title=\"Jean-Baptiste Say \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Jean-Baptiste Say<\/a> findet man, wenn man sich anschaut, was er selbst damals gesagt und geschrieben hat:<\/p>\n<blockquote><p><b>Wenn der Produzent die Arbeit an seinem Produkt beendet hat, ist er h\u00f6chst bestrebt es sofort zu verkaufen, damit der Produktwert nicht sinkt. Nicht weniger bestrebt ist er, das daraus eingesetzte Geld zu verwenden, denn dessen Wert sinkt m\u00f6glicherweise ebenfalls. Da die einzige Einsatzm\u00f6glichkeit f\u00fcr das Geld der Kauf anderer Produkte ist, \u00f6ffnen die Umst\u00e4nde der Erschaffung eines Produktes einen Weg f\u00fcr andere Produkte.<\/b><\/p>\n<p><em>Jean Baptiste Say: A treatise on political economy (1803), S. 57<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Danach wird klar, dass Say urspr\u00fcnglich etwas ganz anderes ausagen wollte, als ihm sp\u00e4ter von den Anh\u00e4ngern der klassischen Lehre in den Mund gelegt wurde. Richtigerweise m\u00fc\u00dfte die Generalaussage seines Theorems n\u00e4mlich lauten:<br \/>\n<b><em>&#8222;Jedes Angebot <u>will<\/u> sich seine Nachfrage schaffen&#8220;<\/em><\/b><\/p>\n<p>Auf diesen entscheidenden Unterschied hat auch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_Flassbeck\" title=\"Heiner Flassbeck \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Heiner Flassbeck<\/a> in seinem Buch <b><em>Das Ende der Massenarbeitslosigkeit &#8211; Mit richtiger Wirtschaftspolitik die Zukunft gewinnen<\/em><\/b> hingewiesen:<\/p>\n<p>Er erl\u00e4uterte die Bedeutung dieses Satzes dahingehend, dass jeder, der etwas anbiete, dies mit dem Wunsch t\u00e4te, f\u00fcr sein Angebot auch selbst etwas zu erhalten, mit dem er seine eigene Nachfrage befriedigen k\u00f6nne. Dies bedeute dann aber auch, dass jeder, der im Sinne seines Konsums &#8222;gl\u00fccklich&#8220; sei, also keine W\u00fcnsche mehr habe, auch keine Notwendigkeit sehe, seine Arbeitskraft in irgendeiner Form in die Produktion einzubringen.  <\/p>\n<p>Flassbeck betonte auch, dass dieses Gesetz aber eben <em>nicht<\/em> bedeute, dass man f\u00fcr sein Angebot auch tats\u00e4chlich und immer automatisch etwas erhalte, mit dem dann der W\u00fcnsch, die eigene Nachfrage zufrieden stellen zu k\u00f6nnen, auch erf\u00fcllt wird. Gibt es keine ausreichende marktwirksame Nachfrage, bedeutet dass nicht, dass es keine Konsumw\u00fcnsche gab und deshalb weniger angeboten wurde (wie es der oben erl\u00e4uterten falschen klassischen Interpretation zufolge sein m\u00fcsste), sondern dass im Gegenteil offenbar jemand unfreiwillig sein Angebot nicht absetzen konnte und nun mangels Einkommen nicht die eigentlich erwartete Nachfrage entwickeln kann.  <\/p>\n<p>Dabei ist es egal, ob es sich um G\u00fcter, die nun nicht mehr gekauft werden, oder um nicht genutzte Arbeitszeit handelt, die nun in Form von Arbeitslosigkeit ebenso nicht mehr produktiv genutzt wird. In beiden F\u00e4llen konnte der Wunsch, etwas als Angebot einzubringen, nicht erf\u00fcllt werden und gerade deshalb entwickelte sich die Nachfrage der umsonst Anbietenden nicht so wie erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Dies stellt den entscheidenden Unterschied zur angebotstheoretischen Interpretation von Say&#8217;s Law dar. Im Gegensatz zur herrschenden Lehre sieht Flassbeck einen allgemeinen und wechselseitigen Zusammenhang von Angebot und Nachfrage auch f\u00fcr die Gesamtwirtschaft. Er erteilt damit ihrer Begr\u00fcndung, sich nur um die Angebots- bedingungen k\u00fcmmern zu m\u00fcssen, da sich ja die Nachfrage daraus automatisch ergeben werde, eine klare Absage.<\/p>\n<p>\u00dcber die politischen Auswirkungen der Wende von Hollande hin zu Schr\u00f6der und Blair f\u00fcr Europa siehe auch <a href=\"http:\/\/taz.de\/Kommentar-Reform-der-Sozialsysteme\/!131907\/\" title=\"Hartz im \u00c9lys\u00e9e-Palast -taz.de\" target=\"_blank\">Hartz im \u00c9lys\u00e9e-Palast<\/a> und <a href=\"http:\/\/acemaxx-analytics-dispinar.blogspot.de\/2014\/01\/schade-um-europa-frankreich-macht-sich.html\" title=\"ACEMAXX-ANALYTICS: Schade um Europa - Frankreich macht sich das Say\u2019sche Gesetz zu eigen\" target=\"_blank\">Schade um Europa &#8211; Frankreich macht sich das Say\u2019sche Gesetz zu eigen<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um zum Wachstum zur\u00fcckzukehren, brauchen wir eine Angebotspolitik. Diese stimuliert auch die Nachfrage. Fran\u00e7ois Hollande auf einer Pressekonferenz am 14.01.2014 Nun ist also passiert, was manche Beobachter seit einiger Zeit erwartet hatten. 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