{"id":14022329,"date":"2020-05-29T07:00:09","date_gmt":"2020-05-29T05:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=14022329"},"modified":"2026-03-26T11:47:37","modified_gmt":"2026-03-26T10:47:37","slug":"whataboutism-und-die-corona-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/whataboutism-und-die-corona-pandemie\/","title":{"rendered":"Whataboutism und die Corona-Pandemie"},"content":{"rendered":"<p>Unter den vielen Folgen der Covid-19-Pandemie und den Ma\u00dfnahmen zu ihrer Bek\u00e4mpfung gab es auch eine Epidemie von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Whataboutism\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Whataboutism<\/a>. <\/p>\n<p><center><a title=\"GeoTrinity (Wikimedia Commons) \/ CC BY-SA (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0)\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:GT-Verkehrstod-Trauer.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"GT-Verkehrstod-Trauer\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/07\/GT-Verkehrstod-Trauer.jpg\"><\/a><br \/>\n<em>Trauerinstallation an einer Kreuzung in Hamburg-Horn (2018).<\/em><\/center><\/p>\n<p>Ausgangspunkt ist dabei die Behauptung \u201eWir haben die gesamte Wirtschaft gesperrt um die Zahl der Todesf\u00e4lle durch Covid-19 zu verringern, aber wir tolerieren eine vergleichsweise gro\u00dfe Zahl der Todesf\u00e4lle durch X\u201c. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Beliebte Kandidaten f\u00fcr X sind dann Rauchen, Verkehrsunf\u00e4lle und Influenza. In den meisten, wenn auch nicht in allen F\u00e4llen f\u00fchrt das zu der Schlussfolgerung, dass wir mehr Todesf\u00e4lle durch die Pandemie akzeptieren sollten. In der Tat will aber die Mehrheit derjenigen, die dieses Argument verwenden auch wenig von den Vorschl\u00e4gen wissen um die verschiedenen Beispiele von X, die sie zitieren zu verringern.<\/p>\n<p>Man nehme das Kontrapositive daran und kann dann argumentieren, dass die hier aufgezeigte Inkonsistenz durch st\u00e4rkere Ma\u00dfnahmen zur Reduzierung vermeidbarer Todesf\u00e4lle aus einer Vielzahl von Gr\u00fcnden behoben werden sollte, wobei die Hauptbeispiele Verkehrstote und Rauchen sind.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Whataboutism zu diesen Themen in der Regel darauf hindeuten, dass die Gesellschaft beschlossen hat Todesf\u00e4lle aufgrund dieser Ursachen zu tolerieren, wurden in der Realit\u00e4t \u00fcber viele Jahre immer strengere Ma\u00dfnahmen ergriffen um sie zu reduzieren, und in beiden F\u00e4llen das letztendliche Ziel (explizit) in einigen L\u00e4ndern bedeutet, die Todesf\u00e4lle auf Null zu verringern. <\/p>\n<p>Bei den Verkehrstoten dr\u00fcckt sich dieses Ziel in der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Vision_Zero\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Vision Zero<\/a> aus, welche zun\u00e4chst in Schweden und anschlie\u00dfend in verschiedenen anderen Staaten verabschiedet wurde. Die britische Regierung <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/health-49079515\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">beabsichtigt zudem das Rauchen bis 2030 zu beenden<\/a>, und die meisten Regierungen verfolgen vorl\u00e4ufige Ziele, die eine endg\u00fcltige Beseitigung des Tabakkonsums implizieren.<\/p>\n<p>Mit oder ohne expliziten Zielen war der politische Ansatz dabei \u00fcberall sehr \u00e4hnlich. \u00dcber viele Jahre hinweg wurden schrittweise Beschr\u00e4nkungen eingef\u00fchrt um das betreffende Risiko zu verringern, wobei jede neue Beschr\u00e4nkung gleichzeitig einen Ausgangspunkt f\u00fcr die n\u00e4chste darstellte. In Australien beispielsweise wurden Ende der 1980er Jahre teilweise Verbote f\u00fcr Tabakwerbung eingef\u00fchrt. <\/p>\n<p>Es folgten vollst\u00e4ndige Werbeverbote, dann obligatorische Gesundheitswarnungen in Kleinbuchstaben und schlie\u00dflich die Anforderung, dass Zigarettenschachteln grausame Fotos der Folgen des Rauchens enthalten sollten. Und so wurde das Rauchen aus der anf\u00e4nglichen Situation, in der es universell erlaubt war in allen \u00f6ffentlichen R\u00e4umen und an allen Orten, an denen Kinder dem Rauch ausgesetzt sein k\u00f6nnten zunehmend eingeschr\u00e4nkt (wie etwa auch in privaten Autos).<\/p>\n<p>Hier besteht tats\u00e4chlich eine Inkonsistenz. Wenn die jetzt geltenden Beschr\u00e4nkungen im Hinblick auf ein Gleichgewicht zwischen Gesundheitskosten, Sch\u00e4den an Nichtrauchern und Einschr\u00e4nkungen der Rechte von Rauchern gerechtfertigt w\u00e4ren, w\u00e4ren sie vor 30 oder 50 Jahren noch mehr gerechtfertigt gewesen, als die durch Rauchen entstandenen Sch\u00e4den viel gr\u00f6\u00dfer waren. <\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Covid Whataboutism: Die Inkonsistenz besteht nicht darin, Todesf\u00e4lle aus einer Quelle zu akzeptieren und aus einer anderen nicht, sondern zwischen den dringenden Ma\u00dfnahmen, die durch die Pandemie erforderlich sind und dem langsamen Tempo, das in anderen F\u00e4llen ergriffen wurde.<\/p>\n<p>Die Langsamkeit, mit der Ma\u00dfnahmen zur Beendigung des Rauchens oder zur Verringerung der Verkehrstoten durchgef\u00fchrt wurden l\u00e4sst sich leicht erkl\u00e4ren. Die Regierungen hatten sie in einem Tempo eingef\u00fchrt, welches erhebliche politische Kosten und das Risiko einer anhaltenden Nichteinhaltung vermeiden sollte. <\/p>\n<p>Im Fall des Rauchens ist es beispielsweise notwendig, sowohl mit m\u00e4chtigen als auch skrupellosen Tabakunternehmen umzugehen, die alle verf\u00fcgbaren Instrumente einsetzen um sich Kontrollen zu widersetzen, und mit einem gro\u00dfen abh\u00e4ngigen Teil der Bev\u00f6lkerung, von denen einige (wenn auch nicht alle) keine Wunsch hegen das Rauchen zu beenden.<\/p>\n<p>Der (bisherige) Erfolg von Lockdowns bei der Kontrolle von Covid und deren allgemeiner Akzeptanz au\u00dferhalb der USA legen nahe, dass wir schneller vorgehen sollten um Risiken f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheit zu beseitigen, selbst wenn dies Zwangsma\u00dfnahmen beinhalteten w\u00fcrde, um zu verhindern dass Menschen andere gef\u00e4hrden, und um junge Menschen daran zu hindern sich selbst zu gef\u00e4hrden. <\/p>\n<p>Zum Beispiel sollten teilweise Rauchverbote an \u00f6ffentlichen Orten oder in Gegenwart von Kindern vollst\u00e4ndig erlassen werden. Ein ehrgeizigerer Vorschlag dieser Art w\u00e4re, das Rauchalter um jeweils ein Jahr anzuheben, damit junge Menschen, die derzeit noch nicht vollj\u00e4hrig sind, erst mit 25 Jahren rauchen d\u00fcrfen (kaum jemand beginnt mit dem Rauchen als Erwachsener im reifen Alter, was an sich ein Hinweis darauf ist, dass es sich nicht um eine rationale Verteidigung handelt).<\/p>\n<p>Im Falle der Verkehrstoten sind die offensichtlichsten Ma\u00dfnahmen niedrigere Geschwin-digkeitsbegrenzungen in st\u00e4dtischen Gebieten und eine gr\u00f6\u00dfere Bereitschaft gef\u00e4hrliche Fahrer dauerhaft von der Stra\u00dfe zu nehmen. Diese Ma\u00dfnahmen werden irgendwann verabschiedet &#8211; die einzige Frage ist, wie viele unschuldige Menschenleben verloren gehen werden bevor es soweit sein wird.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/crookedtimber.org\/2020\/05\/15\/whataboutery-and-the-pandemic\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des australischen \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_Quiggin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">John Quiggin<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter den vielen Folgen der Covid-19-Pandemie und den Ma\u00dfnahmen zu ihrer Bek\u00e4mpfung gab es auch eine Epidemie von Whataboutism. Trauerinstallation an einer Kreuzung in Hamburg-Horn (2018). 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