{"id":13135536,"date":"2020-11-02T07:00:13","date_gmt":"2020-11-02T06:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=13135536"},"modified":"2026-03-27T08:16:51","modified_gmt":"2026-03-27T07:16:51","slug":"wie-in-einem-entfernten-spiegel-zwei-jahrtausende-nach-den-germanicus-feldzuegen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wie-in-einem-entfernten-spiegel-zwei-jahrtausende-nach-den-germanicus-feldzuegen\/","title":{"rendered":"Wie in einem entfernten Spiegel: Zwei Jahrtausende nach den Germanicus-Feldz\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<p>Der Erfolg zeigt einem manchmal seine Grenzen eher auf als die Niederlage. Das ist eine Lektion, die die R\u00f6mer auf die harte Tour lernen mussten, als sie versuchten die ger-manischen St\u00e4mme \u00f6stlich des Rheins zwischen dem ersten Jahrhundert v. Chr. und dem ersten Jahrhundert n. Chr. zu unterwerfen. <\/p>\n<p><center><a title=\"Mus\u00e9e Saint-Raymond\n [CC0]\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:MSR_-_Germanicus_Inv._30010.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"206\" alt=\"MSR - Germanicus Inv. 30010\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/ee\/MSR_-_Germanicus_Inv._30010.jpg\"><\/a><br \/>\n<em>Marmorb\u00fcste des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Germanicus\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Germanicus<\/a> <\/em><\/center><\/p>\n<p>Der Versuch umfasste <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Germanicus-Feldz%C3%BCge\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">eine lange Reihe von Feldz\u00fcgen<\/a> und vielleicht kam der H\u00f6hepunkt vor fast genau zweitausend Jahren, von 14 bis 16 n. Chr., als die R\u00f6mer mit nicht weniger als acht Legionen gegen die Germanen anr\u00fcckten unter dem Kommando von Tiberius Claudius Nero, bekannt als Germanicus, Enkel des Augustus und Adoptivsohn des Kaisers <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tiberius\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Tiberius<\/a>. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Die Gesamtzahl der eingesetzten Truppen wurde mit mindestens 80.000 Mann angegeben, vielleicht fast 100.000; damals etwa ein Drittel der gesamten r\u00f6mischen Armee. Mit einem modernen Begriff k\u00f6nnten wir sagen, dass die R\u00f6mer versuchten ihre Feinde einfach zu \u00fcberrollen.<\/p>\n<p>In diesem Fall kann das Konzept der &#8222;Dampfwalze&#8220; vielleicht fast w\u00f6rtlich gemeint sein. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tacitus\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Tacitus<\/a> macht uns in seinen &#8222;Annalen&#8220; klar, dass die R\u00f6mer mit einem anderen Gedanken nach Germanien gingen, als den primitiven V\u00f6lkern &#8222;die Zivilisation zu bringen&#8220;. Nein, keine so dumme Idee; Die R\u00f6mer waren da, um diesen Barbaren eine Lektion zu erteilen. <\/p>\n<p>Daf\u00fcr brannten sie D\u00f6rfer nieder, schlachteten alle Bewohner ab oder nahmen sie als Sklaven, wie Tacitus es ausdr\u00fcckte, sogar &#8222;die Hilflosen von Alter oder Geschlecht&#8220;. Der Name von Germanicus bedeutete offensichtlich nicht, dass er Sympathie f\u00fcr das germanische Volk hatte. Wiederum k\u00f6nnte man mit einem modernen Begriff sagen, dass die R\u00f6mer eine Kampagne der verbrannten Erde betrieben, wenn nicht sogar einen v\u00f6lligen Vernichtungskrieg.<\/p>\n<p>Und doch haben all diese Bem\u00fchungen wenig gebracht. In drei Jahren Kampagnen gewannen die Germanicus-Truppen alle Schlachten, die sie f\u00fchrten. Jedoch konnten sie die germanischen St\u00e4mme nicht brechen. Und die Kosten, so viele M\u00e4nner im Feld zu halten wurden selbst f\u00fcr das m\u00e4chtige R\u00f6mische Reich unertr\u00e4glich. Im Jahr 16 n. Chr. rief Kaiser Tiberius Germanicus schlie\u00dflich nach Rom zur\u00fcck. <\/p>\n<p>Er befahl den Legionen auch, die eroberten Gebiete aufzugeben und sich hinter die Befestigungen am Rhein zur\u00fcckzuziehen von wo aus sie ihre Feldz\u00fcge begonnen hatten. Germanicus wurde ein gro\u00dfer Triumphzug in Rom gew\u00e4hrt, doch ein paar Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 19 n. Chr. starb er, m\u00f6glicherweise vergiftet von Tiberius selbst, der die Konkurrenz eines popul\u00e4ren Generals f\u00fcrchtete. <\/p>\n<p>Seine Feldz\u00fcge hatten also einerseits die Macht des Imperiums gezeigt und andererseits aber auch seine Grenzen \u00fcberschritten: Es gab einige Dinge, die die Legionen einfach nicht konnten. Das war eine Lehre, die die Kaiser gut verstanden, und die R\u00f6mer haben nie wieder versucht das germanische Territorium anzugreifen.<\/p>\n<p>Zweitausend Jahre sp\u00e4ter sehen wir in diesen fernen Ereignissen einen fernen Spiegel unserer Zeit. Es gibt viele Parallelen zu unserer gegenw\u00e4rtigen Situation, und ich bin sicher, dass Ihnen das Wort &#8222;Irak&#8220; dazu bereits in den Sinn kommt. <\/p>\n<p>Ja, die Irak-Kampagne war eine Reihe von Siegen, genau wie die Kampagnen von Germanicus. Aus strategischer Sicht erwies sich der moderne Irak jedoch genau wie Germanien vor zweitausend Jahren als eine Eroberung, deren Aufrechterhaltung schlicht zu teuer war.<\/p>\n<p>Doch in diesem fernen Spiegel gibt es noch mehr zu sehen und deshalb gehen wir etwas tiefer in die Geschichte ein. Erstens waren die Feldz\u00fcge des Germanicus die Folge eines fr\u00fcheren gescheiterten Kriegszuges: der Niederlage von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Varusschlacht\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Teutoburg<\/a> im Jahr 9 n. Chr., als drei r\u00f6mische Legionen von einer Koalition germanischer St\u00e4mme vernichtet wurden. <\/p>\n<p>Nicht einmal ihr Kommandeur, der Konsul <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Publius_Quinctilius_Varus\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Publius Quinctilius Varus<\/a> konnte dabei am Leben bleiben. Die sogenannte Varusschlacht war nicht nur eine Katastrophe, sondern auch ein R\u00e4tsel. Wie konnte es sein, dass die r\u00f6mischen Legionen, nicht gerade Amateure der Kriegskunst munter in einen dichten Wald marschierten, in dem eine gro\u00dfe Anzahl germanischer Krieger darauf wartete sie in St\u00fccke zu hacken?<\/p>\n<p>Warum genau wurde Varus als Gouverneur einer Provinz nach Germanien geschickt, die nur auf dem Papier existierte und die nicht \u00fcber gen\u00fcgend Truppen verf\u00fcgte, um eine Region zu kontrollieren, die noch nie wirklich befriedet worden war. <\/p>\n<p>Ohne diese Erkl\u00e4rung k\u00f6nnen wir nur \u00fcber diese Geschichte spekulieren, doch es braucht wenig Vorstellungskraft um zu dem Schluss zu kommen, dass jemand wahrscheinlich in Rom wollte, dass Varus&#8216; Kopf rollte. Wer auch immer das war konnte sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass so viele weitere r\u00f6mische K\u00f6pfe mit Varus zusammen rollen w\u00fcrden. Wir werden es nie genau erfahren, aber wir wissen zumindest, dass der Mann, der Varus in die Falle im Wald gef\u00fchrt hat ein r\u00f6mischer Staatsb\u00fcrger war obwohl er in Germanien geboren wurde. Varus wurde betrogen.<\/p>\n<p>Und ja, wir k\u00f6nnen eine Art Parallele zur modernen Geschichte im Angriff vom 11. September auf die Zwillingst\u00fcrme in New York finden. Lassen Sie mich feststellen, dass ich hier nicht \u00fcber Verschw\u00f6rungstheorien spreche; was ich hervorheben m\u00f6chte, ist die \u00c4hnlichkeit der Reaktion des alten und des modernen Reiches auf Ereignisse, die beide als existenzielle Bedrohung wahrgenommen haben. <\/p>\n<p>So wie die US-B\u00fcrger nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September gro\u00dfe Angst hatten, hatten die R\u00f6mer nach der Katastrophe von Teutoburg gro\u00dfe Angst, und das hatte politische Konsequenzen.<\/p>\n<p>Die Hauptfolge der Niederlage von Teutoburg war, dass sie die Position des Kaisers als milit\u00e4rischer F\u00fchrer des gesamten Reiches stark festigte. Vergessen Sie nicht, dass die Idee, dass es an der Spitze des Imperiums einen Kaiser geben sollte, zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. noch etwas Neues war und viele Menschen sich wahrscheinlich eine Wiedererrichtung der Republik gew\u00fcnscht h\u00e4tten. <\/p>\n<p>Das hatten Brutus und Cassius versucht indem sie Julius C\u00e4sar get\u00f6tet hatten. Doch nach Teutoburg kam die Wiedereinsetzung der Republik \u00fcberhaupt nicht mehr in Frage. Sie haben wahrscheinlich von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sueton\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Sueton<\/a> geh\u00f6rt, der berichtete, dass Kaiser Augustus, als er von Varus&#8216; Niederlage h\u00f6rte nachts ziellos in seinem Palast umherging und murmelte: &#8222;Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!&#8220; <\/p>\n<p>Das war ein Meister-Propaganda-Coup von Augustus, einem vollendeten Politiker. Augustus zeigte sich so besorgt, dass er sich als Verteidiger des Imperiums gegen die barbarische Bedrohung positionierte.<\/p>\n<p>Nicht nur Teutoburg st\u00e4rkte die Rolle der Kaiser; die Kampagnen von Germanicus verst\u00e4rkten die Wirkung noch mehr. Wenn Teutoburg gezeigt hatte, dass die germanischen St\u00e4mme eine existenzielle Bedrohung f\u00fcr das Imperium darstellten, dann zeigte das Scheitern von Germanicus, dass sie nicht zerst\u00f6rt werden konnten. <\/p>\n<p>Das Ergebnis war, dass sich das Imperium f\u00fcr einen langfristigen Krieg positionierte. Das erzeugte das \u00c4quivalent unseres gegenw\u00e4rtigen milit\u00e4risch-industriellen Komplexes: eine stehende Armee und eine Reihe von Befestigungen entlang der kaiserlichen Grenzen. Das war ein gutes Gesch\u00e4ft f\u00fcr die Milit\u00e4runternehmer der R\u00f6merzeit, doch die langfristige Folge war gleichzeitig, dass das Imperium sich selbst verblutete, um die von ihm errichteten kolossalen Verteidigungsanlagen zu erhalten. <\/p>\n<p>Vor Teutoburg hatte die r\u00f6mische Armee infolge der Eroberung fremder L\u00e4nder Wohlstand geschaffen. Nach Teutoburg wurde die Armee ein Zerst\u00f6rer des Reichtums, der viel mehr kostete als er hervorbrachte. Wie es eben die Kampagnen von Germanicus deutlich zeigten. Mit der Zeit wurde das R\u00f6mische Reich immer schw\u00e4cher, aber es weigerte sich hartn\u00e4ckig dies zuzugeben und die Barbaren in Rollen zu akzeptieren, die nicht die von S\u00f6ldnern oder Sklaven waren.<\/p>\n<p>Vier Jahrhunderte nach der Schlacht von Teutoburg und Germanicus Feldz\u00fcgen brach eine aufgekl\u00e4rte Kaiserin, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Galla_Placidia\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Galla Placidia<\/a> die Regeln um ein sterbendes Reich wiederzubeleben. Sie heiratete einen barbarischen K\u00f6nig und versuchte, eine neue Dynastie zu gr\u00fcnden, die die germanischen und lateinischen Elemente des Reiches zusammenbringen w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Sie hatte keinen Erfolg; es war zu sp\u00e4t; es war zu viel f\u00fcr eine einzelne Person. Das R\u00f6mische Reich musste seinen Zyklus durchlaufen, und das Ende des Zyklus war sein Verschwinden; ein Relikt der Geschichte, das keinen Grund mehr hatte zu existieren.<\/p>\n<p>Dies ist das Schicksal von Imperien und Zivilisationen, die, wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arnold_J._Toynbee\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Toynbee<\/a> schrieb am h\u00e4ufigsten sterben weil sie sich selbst t\u00f6ten. So war es f\u00fcr die R\u00f6mer, unseren fernen Spiegel. Ein dunkler Spiegel, aber h\u00f6chstwahrscheinlich wird unser Schicksal nicht viel anders sein.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/cassandralegacy.blogspot.com\/2015\/10\/a-distant-mirror-bimillenary-of.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des italienischen Chemie-Professors <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ugo_Bardi\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Ugo Bardi<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Erfolg zeigt einem manchmal seine Grenzen eher auf als die Niederlage. Das ist eine Lektion, die die R\u00f6mer auf die harte Tour lernen mussten, als sie versuchten die ger-manischen St\u00e4mme \u00f6stlich des Rheins zwischen dem ersten Jahrhundert v. 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