{"id":121924,"date":"2014-09-07T12:43:56","date_gmt":"2014-09-07T10:43:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=121924"},"modified":"2025-07-16T09:08:31","modified_gmt":"2025-07-16T07:08:31","slug":"der-lautenbach-plan-1931-teil-3-produktive-kreditschoepfung-als-notmassnahme-gegen-die-depression","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-lautenbach-plan-1931-teil-3-produktive-kreditschoepfung-als-notmassnahme-gegen-die-depression\/","title":{"rendered":"Der Lautenbach-Plan 1931 &#8211; Teil 3: Produktive Kreditsch\u00f6pfung als Notma\u00dfnahme gegen die Depression"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Gipfel der Weltwirtschaftskrise fand am 16.\/17. September 1931 eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geheimkonferenz_der_Friedrich_List-Gesellschaft_im_September_1931_%C3%BCber_M%C3%B6glichkeiten_und_Folgen_einer_Kreditausweitung\" title=\"Geheimkonferenz der Friedrich List-Gesellschaft im September 1931 \u00fcber M\u00f6glichkeiten und Folgen einer Kreditausweitung \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Geheimkonferenz der Friedrich List-Gesellschaft<\/a> in Berlin statt, bei der \u00fcber die Machbarkeit und eventuelle Durchf\u00fchrung des sogenannten &#8222;Lautenbach-Plans&#8220; (M\u00f6glichkeiten einer aktiven Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung) diskutiert wurde.<\/p>\n<p><center><a title=\"Massenelend auf dem H\u00f6hepunkt der Krise: Speisesaal eines Obdachlosenasyls in Berlin-Prenzlauer Berg 1932, Bundesarchiv, Bild 183-R96268 \/ CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ABundesarchiv_Bild_183-R96268%2C_Berlin%2C_Fr%C3%B6belstra%C3%9Fe%2C_Speisesaal_im_Obdachlosenasyl.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Bundesarchiv Bild 183-R96268, Berlin, Fr\u00f6belstra\u00dfe, Speisesaal im Obdachlosenasyl 1932\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/00\/Bundesarchiv_Bild_183-R96268%2C_Berlin%2C_Fr%C3%B6belstra%C3%9Fe%2C_Speisesaal_im_Obdachlosenasyl.jpg\"\/><\/a><\/center><\/p>\n<p>Mit diesem Beitrag will ich mich nun etwas n\u00e4her mit der Arbeit von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" title=\"Wilhelm Lautenbach \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Wilhelm Lautenbach<\/a> besch\u00e4ftigen, da sie auch im Lichte der heutigen Wirtschaftspolitik, gerade in Bezug auf die sogenannte <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22937\" title=\"Der Widerstand gegen eine falsche Wirtschafts- und Finanzpolitik beginnt mit der Kritik des falschen Sprachgebrauchs\u00a0|\u00a0NachDenkSeiten \u2013 Die kritische Website\" target=\"_blank\">&#8222;Spar&#8220;(-absichts)-Politik<\/a> gegen\u00fcber den EU-Krisenl\u00e4ndern, noch immer eminent wichtige Erkenntnisse liefern kann.<\/p>\n<p><b>Defizitpolitik? Reichsbankzusage als Katalysator? Der Verzweiflungsweg \u2013 ohne Auslandskapital!<\/b><br \/>\nUnter dieser \u00dcberschrift analysierte Lautenbach, dass die deutsche Wirtschaftspolitik nach der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsche_Bankenkrise\" title=\"Deutsche Bankenkrise \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Bankenkrise<\/a> vor allem zwei besonders wichtige Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen habe: die Stabilit\u00e4t der W\u00e4hrung sicherzustellen sowie die Verhinderung weiter steigender Erwerbslosigkeit.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Scharfsinnig erkannte er, dass diese beiden Aufgaben eigentlich unvereinbar w\u00e4ren, da unter Ber\u00fccksichtigung von W\u00e4hrungsstabilit\u00e4t und Zahlungsbilanzausgleich eine eher zur\u00fcckhaltende und vorsichtige Kredit- und Geldpolitik notwendig sei, die aber gleichzeitig zu einer weiteren Verringerung der Produktion und damit zu Deflation f\u00fchren w\u00fcrde. <\/p>\n<p>So sei es denn notwendig, wenn man beide Ziele erreichen wolle, einen Mittelkurs zwischen diesen beiden Forderungen einzuschlagen. Aufgabe der Politikberatung w\u00e4re es daher, auf die m\u00f6glichen Gefahren einer zu einseitigen Politik hinzuweisen und den Handlungsspielraum zu definieren, der den ma\u00dfgeblichen Akteuren unter den Bedingungen der Krise \u00fcberhaupt noch zur Verf\u00fcgung stehe.<\/p>\n<p>Daher erkl\u00e4rte Lautenbach zuerst die Vorteile und Risiken einer deflationistischen Kreditpolitik:<br \/>\nZwar sei es einerseits richtig, dass eine Verknappung der Kredite zu Preissenkungen f\u00fchre, in deren Folge mehr exportiert als importiert, also ein \u00dcberschuss in der Handelsbilanz erzielt werde.<br \/>\nAndererseits aber st\u00e4nden dieser Politik entscheidende Nachteile gegen\u00fcber: durch die Kreditlimitierung w\u00e4ren die Unternehmer gezwungen, ihre Lagerbest\u00e4nde zu reduzieren, was in der Regel zu einer Drosselung der Produktion f\u00fchren w\u00fcrde. Gesamtwirtschaftlich w\u00e4ren wachsende Arbeitslosigkeit und eine allgemein schw\u00e4chere Wirtschaftst\u00e4tigkeit die logische Folge. <\/p>\n<p>Weiter schrieb er:<\/p>\n<blockquote><p><b>Was unter dem Druck einer starken Preissenkung verschleudert wird, das wird &#8211; soweit es sich um Fertigfabrikate handelt &#8211; zu einem gro\u00dfen Teil einfach im Inlande unter vor\u00fcbergehender Steigerung der Kaufkraft des Nominaleinkommens <em>mehr verzehrt.<\/em><br \/>\nEs wird also <em>ungenutztes Kapital in Konsum verwandelt<\/em>, w\u00e4hrend eine <em>rationelle Politik<\/em> nur darauf abgestellt sein m\u00fc\u00dfte, <em>ungenutztes volkswirtschaftliches Kapital zu nutzen.<\/em><\/b><\/p>\n<p><em>Wilhelm Lautenbach: M\u00f6glichkeiten einer Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung, 9. September 1931, S. 2<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Zudem gebe es noch zwei weitere wichtige Problemfelder zu beachten, die aus der besonderen Position des Deutschen Reiches in der Weltwirtschaft der damaligen Zeit resultierten:<\/p>\n<p><b>Die Reparationspolitik:<\/b><br \/>\nDie positive Wirkung einer Deflation auf den Au\u00dfenhandel in Form einer aktiven Leistungsbilanz k\u00f6nne die Gl\u00e4ubigerl\u00e4nder zu der \u00dcberzeugung kommen lassen, dies w\u00e4re die normale Leistungsf\u00e4higkeit der deutschen Wirtschaft und stelle somit das Ma\u00df f\u00fcr zuk\u00fcnftige Reparationszahlungen dar.<\/p>\n<p><b>Die Handelspolitik:<\/b><br \/>\nDurch die verst\u00e4rkte Anregung der Exporte und die Beschr\u00e4nkung der Importe sei es wahrscheinlich, dass es zu protektionistischen Abwehrma\u00dfnahmen z. B. in Form von Zollbestimmungen oder Quotenregelungen der betroffenen L\u00e4nder kommen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Lautenbach skizzierte zwei m\u00f6gliche Wege, wie man mit einer Anpassung der Anspr\u00fcche auf besondere Belastungen aufgrund au\u00dfergew\u00f6hnlicher Probleme wie der Wirtschafts- und Finanzkrise reagieren k\u00f6nne. Es gebe nur die beiden M\u00f6glichkeiten, entweder sich in seinen Anspr\u00fcchen st\u00e4rker einzuschr\u00e4nken, oder aber mit einer Steigerung des Gesamtertrages ohne gr\u00f6\u00dfere Einschr\u00e4nkungen auf die Krise zu antworten.<\/p>\n<p>Es wundert nicht, dass er die zweite L\u00f6sung favorisierte: es sei schon immer die besondere Eigenschaft der kapitalistischen Wirtschaft gewesen, auf elementare Herausforderungen mit einer Steigerung der Leistungsf\u00e4higkeit zu reagieren.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu fr\u00fcheren Krisen, bei denen es vor allem darum ging, konkrete Produktionsaufgaben zu erf\u00fcllen, sei dieser Notstand durch die Tatsache gepr\u00e4gt, dass man zu seiner L\u00f6sung zwar mehr erwirtschaften m\u00fcsse, aber dabei nicht wisse, woraus der Mehrbedarf faktisch bestehen m\u00fcsse.<br \/>\nSo reiche es denn auch nicht aus, bei den Unternehmen nur die Produktionskosten zu senken, um sie zu einer gr\u00f6\u00dferen Produktion zu ermutigen. Um die Ertragschancen \u00fcberhaupt zu erh\u00f6hen, w\u00e4ren zus\u00e4tzlich weitere positive Ma\u00dfnahmen erforderlich.<\/p>\n<p>Nach Lautenbach sind die dabei wichtigsten volkswirtschaftlichen Kostenelemente der Unternehmen der Zins, die \u00f6ffentlichen Abgaben und Steuern sowie die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter. Daher m\u00fcsse man gerade diese Kosten genauer betrachten und entscheiden, wo und wie man bei diesen noch sparen k\u00f6nne.   <\/p>\n<p>Eine weitere Senkung des Diskontzinssatzes der Reichsbank k\u00e4me nicht in Frage, da dadurch die Gefahr von Gold- und Devisenabfl\u00fcssen stark zunehmen und ebenso der Abzug weiterer Auslandskredite m\u00f6glich w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In der Steuerfrage g\u00e4be es ebenfalls wenige Bewegungsm\u00f6glichkeiten, da jede Verringerung direkter Steuern durch die Ausnutzung bisher noch ungenutzter Einsparm\u00f6glichkeiten oder aber h\u00f6herer Verbrauchs- bzw. indirekter Steuern ausgeglichen werden m\u00fcsse. Da in der Krise eine solche Steuerpolitik innenpolitisch nicht vermittelbar und auch eine erh\u00f6hte Kreditaufnahme gegen\u00fcber dem Ausland praktisch unm\u00f6glich sei, g\u00e4be es hinsichtlich der Abgabenreduzierung keinerlei Handlungsm\u00f6glichkeiten.   <\/p>\n<p><b>Einzige Alternative: Lohn- und Gehaltssenkung&#8230;<\/b><br \/>\nDemnach bliebe lediglich eine Alternative zur Kostensenkung bei den Betrieben \u00fcbrig, n\u00e4mlich die Verringerung der Verdienste und Einkommen. Damit w\u00fcrde sich die Konkurrenzsituation zum Ausland erheblich verbessern (heute w\u00fcrde man von der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Volkswirtschaft reden).<br \/>\nDoch d\u00fcrfe man dabei nicht vergessen, dass diese Steigerung nur den exportierenden Gewerben erheblich zugute kommen w\u00fcrde, w\u00e4hrend diejenigen Unternehmen, die haupts\u00e4chlich f\u00fcr den Binnenmarkt produzierten, in erster Linie durch die allgemeine Lohnsenkung pl\u00f6tzlich und unvermittelt mit einer zur\u00fcckgehenden Nachfrage konfrontiert w\u00e4ren. <\/p>\n<p><b>&#8230;aber nur bei gleichzeitiger Arbeitsbeschaffung<\/b><br \/>\nAus diesem Grund sei es absolut notwendig, eine sogenannte &#8222;Dumping&#8220;-Politik mittels Lohnsenkungen niemals isoliert zu betreiben, sondern immer zwingend mit einer gleichzeitigen Schaffung einer gro\u00dfen Anzahl von Arbeitspl\u00e4tzen zu verbinden.<\/p>\n<p>Denn nur dann k\u00f6nne die Verringerung der Geh\u00e4lter einen tats\u00e4chlichen Nutzen in Form einer volks-wirtschaftlichen &#8222;Ersparnis&#8220; haben, die man f\u00fcr bestimmte Investitionen wie z. B. Arbeitsbeschaffungs- ma\u00dfnahmen nutzen k\u00f6nnte. Die dadurch erzielten Produktions\u00fcbersch\u00fcsse sowie die durch die Krise brachliegenden Produktionsanlagen und Arbeitskr\u00e4fte k\u00f6nnten dann zur Deckung eines \u00f6konomischen Bedarfs Verwendung finden, wie ihn \u00f6ffentliche Aufgaben wie der Stra\u00dfenbau, der Wohnungsbau oder auch die Erweiterung der Eisenbahn darstellen. Heute wie damals werden solche Ma\u00dfnahmen haupts\u00e4chlich als <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/lexikon-der-wirtschaft\/19816\/konjunkturprogramm\" title=\"Konjunkturprogramm | bpb\" target=\"_blank\">&#8222;Konjunkturprogramme&#8220;<\/a> bezeichnet.<\/p>\n<p>Weiter geht es im <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-lautenbach-plan-1931-teil-4-moeglichkeiten-einer-konjunkturbelebung-durch-investition-und-kreditausweitung\/\" title=\"Der Lautenbach-Plan 1931 \u2013 Teil 4: M\u00f6glichkeiten einer Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">n\u00e4chsten Teil<\/a> mit m\u00f6glichen Bedenken gegen den Lautenbach-Plan sowie den notwendigen Vorausetzungen zu seiner Finanzierung und erfolgreichen Durchf\u00fchrung. Ein von Lautenbach selbst entworfenes Beispiel eines Bau- und Beschaffungsprogramms f\u00fcr die damalige Reichsbahn soll dann in Teil 5 zudem die Wirkungsweise solcher Ma\u00dfnahmen noch n\u00e4her erl\u00e4utern.  <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Gipfel der Weltwirtschaftskrise fand am 16.\/17. September 1931 eine Geheimkonferenz der Friedrich List-Gesellschaft in Berlin statt, bei der \u00fcber die Machbarkeit und eventuelle Durchf\u00fchrung des sogenannten &#8222;Lautenbach-Plans&#8220; (M\u00f6glichkeiten einer aktiven Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung) diskutiert wurde. 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