{"id":11541,"date":"2013-12-02T08:48:08","date_gmt":"2013-12-02T07:48:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=11541"},"modified":"2020-03-17T07:30:32","modified_gmt":"2020-03-17T06:30:32","slug":"die-eurokrise-vorlaeufiger-hoehepunkt-des-transferproblems-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-eurokrise-vorlaeufiger-hoehepunkt-des-transferproblems-teil-3\/","title":{"rendered":"Die Eurokrise \u2013 vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt des Transferproblems &#8211; Teil 3"},"content":{"rendered":"<p>Es hatte schon eine gewisse Ironie an sich, dass nur wenige Jahre nach der missgl\u00fcckten <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-deutsche-wiedervereinigung-erneutes-auftauchen-des-transferproblems-teil-2\/\" title=\"Die deutsche Wiedervereinigung: erneutes Auftauchen des Transferproblems \u2013 Teil 2\">deutschen Wiedervereinigung<\/a>, als die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion in die entscheidende Phase ihrer Vorbereitung ging, innerhalb der deutschen Politik die vorsichtigen Einsichten \u00fcber die deutsch-deutschen Lehren aus der Unl\u00f6sbarkeit des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Transferproblem\" title=\"Transferproblem \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Transferproblems<\/a> sehr schnell wieder in Vergessenheit gerieten.<\/p>\n<p>Die sich anbahnende Diskussion, welche L\u00e4nder zu welchen Bedingungen dem europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsverbund beitreten w\u00fcrden, \u00fcberlagerte sofort alle Fragen zum grunds\u00e4tzlichen Rahmen, der ein dauerhaftes Bestehen in einer solchen Union \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Gerade auf deutscher Seite, dessen Volksvertreter kurz vorher erst eine eigene W\u00e4hrungsunion hatten scheitern lassen, kam niemand auf die Idee, dar\u00fcber nachzudenken, warum dies so gekommen war.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Stattdessen st\u00fcrzte man sich mit neuem Eifer und erstaunlicher Einigkeit auf die Feststellung, dass die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion (EWU) mindestens genauso eine stabile Veranstaltung werden solle wie Deutschland nach dem Ende des W\u00e4hrungssystems von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bretton-Woods-System\" title=\"Bretton-Woods-System \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bretton Woods<\/a> (bei dem der US-Dollar als Leitw\u00e4hrung \u00fcber feste Wechselkurse mit den europ\u00e4ischen W\u00e4hrungen verbunden war) seit Anfang der 70er Jahre.  <\/p>\n<p>Bei den zu vereinbarenden Konvergenzkriterien spielten vor allem der Schuldenstand und die aktuelle Verschuldung der Staaten ebenso wie die Inflationsraten eine wichtige Rolle, die neu zu schaffende Europ\u00e4ische Zentralbank sollte vor allem an ihrer Unabh\u00e4ngigkeit gemessen werden.<\/p>\n<p>Doch die Frage, wie denn ein Ausgleich von Verlusten an Wettbewerbsf\u00e4higkeit erfolgen sollte, da ja die M\u00f6glichkeit der Abwertung der eigenen W\u00e4hrung nun nicht mehr gegeben sein w\u00fcrde, wurde nicht gestellt. Ebenso wenig wurde dar\u00fcber geredet, wie sich denn die L\u00f6hne bzw. die Lohnst\u00fcckkosten in der europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion entwickeln sollten.<\/p>\n<p>Daran sollte sich auch in der Folgezeit bis zum Ausbruch der &#8222;Euro-Krise&#8220; als Ergebnis des Fast-Zusammenbruchs des westlichen Finanzsystems nichts \u00e4ndern. Zwar ist man sich heute im Gro\u00dfen und Ganzen einig, dass es der rasche \u00dcbergang zur D-Mark und die schnelle Lohnangleichung waren, die die deutsch-deutsche W\u00e4hrungsunion scheitern lie\u00dfen und den deutschen Osten zu einem Transferempf\u00e4nger degradiert hatten, doch Lehren f\u00fcr die Vereinigung der europ\u00e4ischen W\u00e4hrungen zog aus diesem Wissen so gut wie niemand.<\/p>\n<p>So traf denn die europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion die Krise aus heiterem Himmel, und der Weg in eine \u00e4hnliche Transferunion \u00fcber den Verlust von Wettbewerbsf\u00e4higkeit einiger L\u00e4nder aufgrund des deutschen Lohndumpings wurde lange ignoriert oder gar nicht verstanden.<br \/>\nEs wurde sogar lange Zeit (und wird heute immer noch von deutschen Experten und Medien) vehement bestritten, dass die EWU seit 1999 in einem atemberaubenden Tempo genau das Gleiche wie bei der deutschen W\u00e4hrungsunion durchmachte.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil, die Tatsache, dass Deutschland durch die Lohnsenkungen im Verh\u00e4ltnis zu seiner Produktivit\u00e4t und im Verh\u00e4ltnis zu seinen Partnerl\u00e4ndern massive Marktanteile und riesige \u00dcbersch\u00fcsse im Au\u00dfenhandel gewann und eben diese L\u00e4nder in ein gewaltiges Leistungsbilanzdefizite trieb, galt als v\u00f6llig problemlos.  <\/p>\n<p>Erst 2008 begann verschiedenen europ\u00e4ischen Wirtschafts- und Finanzministern langsam zu d\u00e4mmern, was sich da abseits der st\u00e4ndigen Konzentration auf staatliche Schulden und der Angst vor Inflation tats\u00e4chlich getan hatte. <\/p>\n<p>Vor den verbl\u00fcfften Vertretern der deutschen Politik wurde erstmals positiv \u00fcber die Lohnabschl\u00fcsse in Deutschland gesprochen, nach Jahren der Stagnation seien die Zuw\u00e4chse ja allm\u00e4hlich notwendig gewesen. Selbst der damalige EZB-Pr\u00e4sident Jean-Claude Trichet konnte die Tatsache nicht mehr \u00fcbersehen, dass innerhalb der EWU eine gewaltige Lohnl\u00fccke entstanden war, die Deutschland einen riesigen Wettbewerbsvorsprung verschafft und viele Mitgliedsstaaten in eine ausweglose Situation man\u00f6vriert hatte. <\/p>\n<p>So hatten sich von der Gr\u00fcndung der EWU 1999 bis 2008 die durchschnittlichen Lohnkosten zur Erstellung eines Produktes (die Lohnst\u00fcckkosten) wie in obiger Abbildung in den verschiedenen Mitgliedsl\u00e4ndern sehr unterschiedlich entwickelt, w\u00e4hrend sie in Deutschland nur wenig gestiegen waren, lag der Kostenanstieg in Frankreich und S\u00fcdeuropa aber auch im Durchschnitt der gesamten W\u00e4hrungsunion wesentlich h\u00f6her.<\/p>\n<p>Diese dramatische Entwicklung der Kosten hatte gravierende Folgen f\u00fcr die Handelsstr\u00f6me: g\u00fcnstigere Produktion f\u00fchrte zu mehr Exporten und weniger Importen, infolgedessen sich der deutsche Leistungsbilanzsaldo von einem leichten Defizit 1999 zu einem gigantischen \u00dcberschuss von 180 Milliarden Euro (7,5 Prozent des BIPs) in 2007 entwickelte.<\/p>\n<p>Spiegelbildlich mussten die kostenintensiveren L\u00e4nder gewaltige Defizite ihrer Leistungsbilanzen hinnehmen.<\/p>\n<p>Um die verheerenden Folgen dieser Entwicklung wieder einigerma\u00dfen ausgleichen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssten die L\u00f6hne in Deutschland \u00fcber einen langen Zeitraum weit st\u00e4rker als die Produktivit\u00e4t und die gemeinsam vereinbarte Inflationsrate steigen, damit die s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4nder bei entsprechend geringerer Steigerung am Ende ihre G\u00fcter wieder zu einem \u00e4hnlichen Preis auf den Weltm\u00e4rkten anbieten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Selbst dann aber h\u00e4tten diese L\u00e4nder w\u00e4hrend dieser Zeit immer noch Marktanteile an Deutschland verloren, da deren Kostenniveau trotz der Anpassungen zwar sinken w\u00fcrde, aber trotzdem noch h\u00f6her als das deutsche w\u00e4re. W\u00e4hrend dieser Zeit w\u00fcrden die Verbindlichkeiten S\u00fcdeuropas gegen\u00fcber Deutschland weiterhin steigen, w\u00e4hrend die Leistungsbilanzdefizite langsam geringer w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Erst wenn diese L\u00e4nder Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse im Vergleich zur Bundesrepublik erzielen k\u00f6nnten, w\u00e4ren sie \u00fcberhaupt in der Lage, sich nicht weiter gegen\u00fcber Deutschland zu verschulden und erst dann k\u00f6nnte man \u00fcber den Beginn der Schuldenr\u00fcckzahlung nachdenken.   <\/p>\n<p>Solange aber die Bilanzdefizite erhalten bleiben, sind diese Staaten auf Transfers angewiesen, um die G\u00fcter der wettbewerbsf\u00e4higeren Staaten kaufen zu k\u00f6nnen bzw. Deutschland muss seinen Kunden die Kredite zur Verf\u00fcgung stellen, die notwendig sind, um seine Export\u00fcbersch\u00fcsse ihnen gegen\u00fcber aufrecht zu erhalten. <\/p>\n<p>Anfang 2009 versuchte die EU-Kommission erneut, mittels einer vertraulichen Studie \u00fcber das Auseinanderdriften der Wettbewerbsf\u00e4higkeiten innerhalb der Eurozone die Aufmerksamkeit der Politik f\u00fcr diese Thematik zu erringen. Doch au\u00dfer dem allseitigen Erstaunen, wie es denn \u00fcberhaupt dazu kommen konnte, hatte auch dieser erneute Anlauf keinen Erfolg. <\/p>\n<p>In den folgenden Jahren wurden die rein logischen Auswirkungen der Transferproblematik innerhalb der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion in Deutschland weiterhin und bis heute von gro\u00dfen Teilen der Politik und den Medien schlicht ignoriert. Stattdessen zwingt man die stark verschuldeten L\u00e4nder mittels Austerit\u00e4tspolitik, sogenannter Strukturreformen und einseitiger Wettbewerbsanpassung weiter in die wirtschaftliche Abw\u00e4rtsspirale.<\/p>\n<p>Dabei wird immer wieder versucht, die deutsche Lohnsenkungspolitik als ein Erfolgsmodell zu verkaufen, w\u00e4hrend sie tats\u00e4chlich l\u00e4ngst halb Europa tief ins Leistungsbilanzdefizit getrieben hat.<\/p>\n<p>Die EWU-Partnerl\u00e4nder waren aber nicht nur in der Vergangenheit die Verlierer, sie werden es auch in der Zukunft weiterhin bleiben, bis entweder der oben beschriebene Anpassungsprozess bei den Lohnst\u00fcckkosten vollzogen wurde oder sie als einzige tats\u00e4chlich m\u00f6gliche Alternative aus dem Euro ausgetreten sind.<\/p>\n<p>Denn dann st\u00fcnde ihnen wieder ein Anpassungsmittel zur Verf\u00fcgung, wie es jeder Staat mit einem eigenst\u00e4ndigen Geldwesen hat: die Abwertung dieser eigenen W\u00e4hrung.<\/p>\n<p>So ist also die Eurokrise die bisher gr\u00f6\u00dfte und letzte Erscheinungsform des Transferproblems in der wirtschaftspolitischen Geschichte. Es bleibt abzuwarten, ob die Lehren aus den bisherigen Auftritten noch einmal aus der offensichtlichen Vergessenheit geholt werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Beunruhigend ist dabei aber, dass die Problematik der Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg erst durch die deutsche Niederlage in einem erneuten globalen Ringen endg\u00fcltig gel\u00f6st werden konnte, w\u00e4hrend die deutsch-deutsche W\u00e4hrungsunion nach 25 Jahren immer noch unvollendet ist.<\/p>\n<p>Keine guten Voraussetzungen f\u00fcr die Hoffnung auf ein m\u00f6glichst glimpfliches Ende der aktuellen Krise.    <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es hatte schon eine gewisse Ironie an sich, dass nur wenige Jahre nach der missgl\u00fcckten deutschen Wiedervereinigung, als die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion in die entscheidende Phase ihrer Vorbereitung ging, innerhalb der deutschen Politik die vorsichtigen Einsichten \u00fcber die deutsch-deutschen Lehren aus<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[47,34,27,14,16,15,28,18],"class_list":["post-11541","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-austeritaet","tag-inflation","tag-investition","tag-lohn","tag-lohnstueckkosten","tag-produktivitaet","tag-saldenmechanik","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11541"}],"version-history":[{"count":35,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13568602,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11541\/revisions\/13568602"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}