{"id":11535271,"date":"2019-10-29T07:00:42","date_gmt":"2019-10-29T06:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=11535271"},"modified":"2026-03-24T10:19:56","modified_gmt":"2026-03-24T09:19:56","slug":"der-mythos-von-der-expansiven-austeritaetspolitik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-mythos-von-der-expansiven-austeritaetspolitik\/","title":{"rendered":"Der Mythos von der expansiven Austerit\u00e4tspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Es war einfach zu sch\u00f6n, um wahr zu sein: Ein weiterer Versuch, Sparma\u00dfnahmen (aka Austerit\u00e4t) zu verteidigen ist seiner fehlerhaften Methodik zum Opfer gefallen.<\/p>\n<p><center><a title=\"Kiefer. from Frankfurt, Germany [CC BY-SA 2.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Europ%C3%A4ische_Zentralbank_(EZB)_(15767416665).jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"312\" alt=\"Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) (15767416665)\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/6b\/Europ%C3%A4ische_Zentralbank_%28EZB%29_%2815767416665%29.jpg\"><\/a><br \/>\n<em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Euro-Skulptur\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Euro-Skulptur<\/a> vor dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eurotower\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Eurotower<\/a> im Frankfurter Bankenviertel<\/em><\/center><\/p>\n<p>Viele Kritiker haben die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft, den Internationalen W\u00e4hrungsfonds, die Europ\u00e4ische Zentralbank und die politischen Entscheidungstr\u00e4ger scharf angegriffen, weil sie auf Sparma\u00dfnahmen als Heilmittel f\u00fcr ein verz\u00f6gertes Wirtschaftswachstum Wert legten. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Eine Gruppe prominenter \u00d6konomen antworteten mit dem Versuch, die traditionelle Sichtweise zu rechtfertigen (z. B. <a href=\"https:\/\/www.nber.org\/papers\/w15438\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Alesina und Ardagna, 2010<\/a>). Sie behaupteten, dass Haushaltskonsolidierungen auf der Ausgabenseite kurzfristig positive Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben k\u00f6nnten &#8211; genau das Gegenteil von dem, was die keynesianische \u00d6konomie suggerieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ihre Argumente f\u00fcr \u201eexpansive Austerit\u00e4t\u201c haben breite Aufmerksamkeit und Unmengen an positiver Berichterstattung in der Presse erregt. Einige ihrer Behauptungen wurden in Frage gestellt und mehrere komplizierte Debatten wurden gef\u00fchrt, aber die Einzelheiten ihres \u00f6konometrischen Falls wurden nicht eingehend gepr\u00fcft. <\/p>\n<p>In <a href=\"https:\/\/www.ineteconomics.org\/research\/research-papers\/expansionary-austerity-and-reverse-causality-a-critique-of-the-conventional-approach\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">diesem neuen INET-Arbeitspapier<\/a> wird ihre Methode \u00fcberpr\u00fcft und ein fataler Trugschluss im Fall der expansiven Austerit\u00e4t offengelegt, der die f\u00fcr diese Ansicht erhobenen Behauptungen v\u00f6llig auf den Kopf stellt.<\/p>\n<p>Statistiker bezeichnen den Fehler als &#8222;umgekehrte Kausalit\u00e4t&#8220;. In diesem Fall bedeutet dies, dass die statistischen Techniken, mit denen Modelle f\u00fcr expansive Sparma\u00dfnahmen getestet werden, zyklische Bewegungen der Staatsausgabenquote nicht angemessen ber\u00fccksichtigen. Daraus folgt, dass sinkende Ausgaben-BIP-Verh\u00e4ltnisse eher einen Anstieg des BIP zur Folge haben als umgekehrt.<\/p>\n<p>In der Praxis verfolgen Analysten, wie sich das Wirtschaftswachstum bei einer Verringerung des Haushaltsdefizits oder einer Erh\u00f6hung des Haushalts\u00fcberschusses verh\u00e4lt. Das Problem dabei ist, dass der Haushaltssaldo selbst auf Ver\u00e4nderungen des BIP im Laufe des Zyklus reagiert. Beispielsweise f\u00fchrt das BIP-Wachstum tendenziell zu einer Erh\u00f6hung der Steuereinnahmen. <\/p>\n<p>Daher m\u00fcssen die Sch\u00e4tzungen des Haushaltssaldos korrigiert werden, um diese \u201eautomatischen Effekte\u201c zu isolieren und die Richtung und St\u00e4rke des Kausalzusammenhangs zwischen BIP-Wachstum und fiskalischen Ma\u00dfnahmen zu bestimmen. Das typische Ma\u00df daf\u00fcr ist die sogenannte \u201ekonjunkturbereinigte Budgetsch\u00e4tzung\u201c.<\/p>\n<p>Wenn die zyklische Anpassungsmethode die zyklischen Effekte nicht tats\u00e4chlich korrigiert, wird ein R\u00fcckgang des bereinigten Defizits f\u00e4lschlicherweise eher als Ma\u00dfstab f\u00fcr die Austerit\u00e4t angesehen als mit einem vorherigen und unabh\u00e4ngigen Anstieg des BIPs in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p>In der o. g. Arbeit wird gezeigt, dass die von Alesina und Ardagna (2010 und 2013) angewandte Methode ein unvollst\u00e4ndiges zyklisches Anpassungsproblem mit sich bringt. Insbesondere wird davon ausgegangen, dass die Staatsausgaben, abgesehen von Sozialtransfers, mit der Wachstumsrate des BIP variieren, so dass die Ausgabenquote konstant bleibt. <\/p>\n<p>Diese Annahme steht jedoch im Widerspruch zu den Standardmethoden. Bei zyklischen Anpassungsmethoden wird in der Regel davon ausgegangen, dass die Ausgaben ohne Ber\u00fccksichtigung der Sozialtransfers unabh\u00e4ngig vom Zyklus variieren. Mit dieser Annahme generieren die Autoren die M\u00f6glichkeit, dass ein Aufschwung automatisch die Ausgaben-BIP-Quote reduziert und sie in einem Abschwung genau entgegengesetzt reagiert.<\/p>\n<p>Daher ihr paradoxes Ergebnis: Wenn wir eine Abnahme der Ausgabenquote mit tats\u00e4chlichen diskretion\u00e4ren K\u00fcrzungen der \u00f6ffentlichen Ausgaben in Verbindung bringen, gehen solche K\u00fcrzungen notwendigerweise mit einer Zunahme des BIP einher, auch wenn die Kausalit\u00e4t eindeutig in die entgegengesetzte Richtung verl\u00e4uft: vom BIP zur sinkenden Ausgabenquote. Die Interpretation dieses Zusammenhangs als Beleg f\u00fcr expansive Sparma\u00dfnahmen &#8211; wie in so vieler Literatur und in der politischen Diskussion w\u00e4hrend der Eurokrise &#8211; f\u00fchrt zu schwerwiegenden Fehlern.<br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p><b>Schlussfolgerungen<\/b><br \/>\nDie Kritik in diesem Aufsatz konzentriert sich auf die Annahmen von Alesina und Ardagna (2010 und 2013), welche zu den Behauptungen f\u00fchren, dass Ausgabenk\u00fcrzungen kurzfristig positiv f\u00fcr das Wachstum ausfallen. Nach der Anwendung allgemeinerer Voraussetzungen verschwindet dieses Ergebnis aber.<\/p>\n<p>Ihre Arbeit und die gesamte Literatur, die ihrem Ansatz folgt sind auf der Ausgabenseite auf expansive Austerit\u00e4tsma\u00dfnahmen ausgerichtet. Diese Literatur hat die akademische Debatte stark beeinflusst. Tats\u00e4chlich wenden zahlreiche Studien dieselben Methoden an, um die Auswirkungen von Sparma\u00dfnahmen auf politische Ergebnisse, finanzielle Aggregate oder die Leistungsbilanz mit \u00e4hnlich innovativen Schlussfolgerungen zu testen. Die Ergebnisse in diesem Aufsatz legen nahe, dass auch diese Ergebnisse repliziert und Sensitivit\u00e4tstests unterzogen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Oben genannter Aufsatz liefert zus\u00e4tzliche Beweise daf\u00fcr, dass Annahmen nicht nur in der Wirtschaftstheorie, sondern auch in der empirischen Arbeit eine Rolle spielen. Die Forscher sollten diese klar angeben und begr\u00fcnden, insbesondere wenn sie im Widerspruch zu den Standards stehen, jedoch f\u00fcr die Ergebnisse wichtig sind.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/www.ineteconomics.org\/perspectives\/blog\/the-myth-of-expansionary-austerity\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des \u00d6konomen <a href=\"\/\/www.ineteconomics.org\/research\/experts\/cBreuer\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Christian Breuer<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einfach zu sch\u00f6n, um wahr zu sein: Ein weiterer Versuch, Sparma\u00dfnahmen (aka Austerit\u00e4t) zu verteidigen ist seiner fehlerhaften Methodik zum Opfer gefallen. 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