{"id":11082342,"date":"2021-02-01T07:00:57","date_gmt":"2021-02-01T06:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=11082342"},"modified":"2021-02-01T07:11:32","modified_gmt":"2021-02-01T06:11:32","slug":"michal-kalecki-1943-politische-aspekte-der-vollbeschaeftigung-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/michal-kalecki-1943-politische-aspekte-der-vollbeschaeftigung-teil-1\/","title":{"rendered":"Michal Kalecki 1943: Politische Aspekte der Vollbesch\u00e4ftigung &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>1. Eine solide Mehrheit der \u00d6konomen ist inzwischen der Meinung, dass selbst in einem kapitalistischen System Vollbesch\u00e4ftigung durch ein Ausgabenprogramm der Regierung gesichert werden kann, sofern ein entsprechender Plan vorliegt um alle existierenden Arbeitskr\u00e4fte in eine T\u00e4tigkeit zu bringen. <\/p>\n<p><center><a title=\"Manuel Garc\u00eda J\u00f3dar [CC BY 2.5 es (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.5\/es\/deed.en)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Michal_Kalecki.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Michal Kalecki\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/76\/Michal_Kalecki.jpg\"><\/a><br \/>\n<em>Der polnische \u00d6konom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Micha%C5%82_Kalecki\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Michal Kalecki<\/a> (1899-1970)<\/em><\/center><\/p>\n<p>Notwendige nicht vorhandene Rohstoffe k\u00f6nnten aus dem Ausland im Austausch gegen Exporte bezogen werden.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Wenn die Regierung \u00f6ffentliche Investitionen t\u00e4tigt (z. B. Schulen, Krankenh\u00e4user und Autobahnen errichtet) oder den Massenkonsum subventioniert (durch Familienzulagen, Reduzierung der indirekten Steuern oder andere Zusch\u00fcsse, um die Preise f\u00fcr das N\u00f6tigste niedrig zu halten), und falls diese Ausgaben dar\u00fcber hinaus mittels Kreditaufnahme und nicht durch Besteuerung (die sich nachteilig auf private Investitionen und Verbrauch auswirken k\u00f6nnte) erfolgen, k\u00f6nnte die effektive Nachfrage nach G\u00fctern und Dienst-leistungen bis zu einem Punkt gesteigert werden, an dem Vollbesch\u00e4ftigung erreicht w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Solche Staatsausgaben erh\u00f6hen die Erwerbst\u00e4tigkeit nicht nur direkt sondern auch indirekt, da die h\u00f6heren Einkommen zu einem sekund\u00e4ren Anstieg der Nachfrage nach Verbrauchs-und Investitionsg\u00fcter f\u00fchren.<\/p>\n<p>2. Es k\u00f6nnte hinterfragt werden, woher die \u00d6ffentlichkeit das Geld f\u00fcr die Kreditvergabe an die Regierung bekommen wird, wenn sie ihre Investitionen und ihren Konsum nicht einschr\u00e4nken. Um diesen Prozess zu verstehen, ist es meines Erachtens am besten, sich f\u00fcr einen Moment vorzustellen, dass die Regierung ihre Lieferanten mit Staatsanleihen bezahlen w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Diese Firmen werden diese Wertpapiere im allgemeinen nicht behalten wollen, sondern beim Kauf anderer Waren und Dienstleistungen in Umlauf bringen, bis diese Anleihen Personen oder Firmen erreichen, die sie als zinsbringende Verm\u00f6genswerte halten wollen. <\/p>\n<p>In jedem Zeitraum wird der Gesamtanstieg der Regierungspapiere im Besitz von Personen und Unternehmen (vor\u00fcbergehend oder endg\u00fcltig) gleich den an die Regierung verkauften Waren und Dienstleistungen sein. <\/p>\n<p>Somit sind alle Kredite an die Regierung gleichzeitig Waren und Dienstleistungen, deren Produktion durch Staatspapiere &#8218;finanziert&#8216; werden. In Wirklichkeit zahlt die Regierung f\u00fcr die Dienstleistungen nicht in Wertpapieren sondern in bar, gibt aber simultan auch Anleihen heraus und sch\u00f6pft so das Bargeld wieder ab; das ist somit gleichbedeutend mit dem oben beschriebenen imagin\u00e4ren Prozess.<\/p>\n<p>Was passiert jedoch, wenn die \u00d6ffentlichkeit nicht bereit ist, den gesamten Anstieg an Staatsanleihen zu absorbieren? Sie wird sie letztlich den Banken im Austausch gegen Bargeld (Banknoten oder Sichteinlagen) anbieten. <\/p>\n<p>Sollten die Banken diese Angebote annehmen, so wird der geltende Zinssatz aufrecht erhalten. Wenn nicht, werden die Kurse der Wertpapiere fallen, was einen Anstieg des Zinssatzes bedeuten w\u00fcrde, und dies w\u00fcrde die \u00d6ffentlichkeit ermutigen, mehr Wertpapiere als Spareinlagen zu halten. <\/p>\n<p>Daraus folgt, dass der Zinssatz von der Politik der Banken abh\u00e4ngt, insbesondere von der der Zentralbank. Wenn diese Politik darauf abzielt, den Zinssatz auf einem bestimmten Niveau zu halten, so kann dies leicht erreicht werden, egal wie gro\u00df der Betrag der staatlichen Kreditaufnahme ausf\u00e4llt. <\/p>\n<p>So war es bisher immer und so ist auch die Position in diesem gegenw\u00e4rtigen Krieg. Trotz astronomischer Budgetdefizite hat sich der Zinssatz seit Anfang 1940 nicht erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>3. Es kann nat\u00fcrlich beanstandet werden, dass durch Kreditaufnahme finanzierte Staatsausgaben eine Inflation verursachen. Darauf kann jedoch geantwortet werden, dass die von der Regierung geschaffene effektive Nachfrage wie jeder andere Anstieg der Nachfrage wirkt.<\/p>\n<p>Wenn Arbeitskr\u00e4fte, Pflanzen und ausl\u00e4ndische Rohstoffe reichlich vorhanden sind, wird der Anstieg der Nachfrage durch eine Steigerung der Produktion ausgeglichen. Wenn jedoch der Punkt der Vollbesch\u00e4ftigung der Ressourcen erreicht ist und die effektive Nachfrage weiter steigt, werden die Preise steigen, um die Nachfrage nach und das Angebot an Waren und Dienstleistungen auszugleichen.<\/p>\n<p>(In dem Zustand der \u00dcberbesch\u00e4ftigung von Ressourcen, wie wir ihn derzeit in der Kriegswirtschaft beobachten, wurde ein inflation\u00e4rer Preisanstieg nur insoweit vermieden, als die effektive Nachfrage nach Konsumg\u00fctern durch Rationierung und direkte Steuern gedrosselt wurde.)<\/p>\n<p>Daraus folgt, dass keine Angst vor Inflation besteht, wenn die staatliche Intervention auf Vollbesch\u00e4ftigung abzielt, die effektive Nachfrage jedoch nicht \u00fcber diese Grenze hinaus ansteigt.<\/p>\n<p>Ein weiteres eher technisches Problem ist das der Staatsverschuldung. Wenn die Voll-besch\u00e4ftigung durch mittels Kreditaufnahme finanzierter Staatsausgaben aufrechterhalten wird, so wird die Staatsverschuldung kontinuierlich steigen.<\/p>\n<p>Dies muss jedoch keine Produktions- und Besch\u00e4ftigungsst\u00f6rungen mit sich bringen, wenn die Zinsen f\u00fcr die Schulden durch eine j\u00e4hrliche Kapitalsteuer refinanziert werden.<\/p>\n<p>Das laufende Einkommen einiger Kapitalisten nach Zahlung der Kapitalsteuer wird niedriger und einiger anderer h\u00f6her sein, als wenn die Staatsverschuldung nicht gestiegen w\u00e4re, aber ihr Gesamteinkommen wird unver\u00e4ndert bleiben und ihr Gesamtverbrauch wird sich wahrscheinlich nicht wesentlich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wird der Anreiz, in festes Kapital zu investieren, nicht durch eine Kapitalsteuer beeinflusst, da sie auf jede Art von Verm\u00f6gen gezahlt wird.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, ob ein Betrag in bar oder in Staatspapieren gehalten oder in den Bau einer Fabrik investiert wird, wird dieselbe Kapitalsteuer darauf gezahlt, und somit bleibt der komparative Vorteil unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Und wenn Investitionen durch Kredite finanziert werden, sind sie eindeutig nicht von einer Kapitalsteuer betroffen, denn diese bedeuten keine Erh\u00f6hung des Verm\u00f6gens des investierenden Unternehmers.<\/p>\n<p>Somit sind weder der Konsum noch die Investitionen der Unternehmer vom Anstieg der Staatsverschuldung betroffen, wenn die Zinsen durch eine j\u00e4hrliche Kapitalsteuer finanziert werden. <\/p>\n<p><em>(\u00fcbersetzt aus <a href=\"https:\/\/jacobinmag.com\/2018\/05\/political-aspects-of-full-employment-kalecki-job-guarantee#:~:text=One%20of%20the%20first%20authors,discussion%2C%20Kalecki%20warned%20that%20sustaining\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Jacobin: Political Aspects of Full Employment by Michal Kalecki<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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